#8 Marwa Khabbaz | Islam & Queerness, Flucht, Rassismus
02.06.2025 53 min Élie Chevillet
Zusammenfassung & Show Notes
Heute darf ich Marwa Khabbaz empfangen. Marwa ist deutsch und libanesisch. In ihrem Beitrag Hidden Identity, welcher am 1. März 2025 im Sammelband Liebe ist halal veröffentlicht wurde, teilt sie ihre familiäre Erfahrung als lesbische Muslimin. Nachdem Marwa jahrelang ihre Queerness vergeben musste, entschied sie sich 2020 aus dem Familienhaus zu flüchten – die mit der Flucht verbundene Angst hatte massive, langfristige Konsequenzen auf ihre psychische Gesundheit. Inzwischen engagiert sich Marwa aktivistisch für die queere Community. Mit ihrer biografischen Geschichte möchte sie die Realität von in Deutschland lebenden muslimischen Queers mehr Sichtbarkeit verleihen.
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Transkript
Hi, ich bin Élie Chevillet.
Herzlich willkommen bei Queer Voices, der Podcast der queeren Menschen in Augsburg und der Welt eine Stimme gibt.
Heute darf ich Marwa Khabbaz empfangen.
Marwa ist deutsch und libanesisch.
In ihrem Beitrag Hidden Identity, welcher vor kurzem im Sammelband Liebe ist Halal veröffentlicht wurde, teilt sie ihre familiäre Erfahrung als lesbische Muslimin.
Nachdem Marwa jahrelang ihre Queerness verbergen musste, entschied sie sich 2020 aus dem Familienhaus zu flüchten.
Die mit der Flucht verbundene Angst hatte massive langfristige Konsequenzen auf ihre psychische Gesundheit.
Inzwischen engagiert sich Marwa aktivistisch für die Queer-Community.
Mit ihrer biografischen Geschichte möchte sie die Realität von in Deutschland lebenden muslimischen Queers mehr Sichtbarkeit verleihen.
Hi Marwa!
Hallo!
Danke, dass du meine Einladung angenommen hast.
Ich freue mich sehr, mit dir in Berlin aufnehmen zu dürfen.
Danke, dass du mit mir diese Aufnahme machst und dem Thema Queer-Muslimisch Raum gibst.
Sehr, sehr gerne.
Ich finde, dass der Anfang von deinem Beitrag für Liebe ist Halal ein richtig schöner Start wäre.
Hättest du Lust, ihn zu Beginn vorzulesen?
Claro!
Für die meisten Menschen haben eine am Mittelmeer liegende arabische Millionenmetropole und eine von Katholizismus geprägte Kleinstadt in der Eifel vermutlich nicht viel gemeinsam.
Für mich ist das anders.
Beide Orte sind Teil meiner Identität.
Mein Name ist Marwa Khabbaz.
Ich bin deutsch und libanesisch.
Für mich bedeutet sowohl Libanesin als auch Deutsche zu sein, dass ich eine extrovertierte, laute Persönlichkeit habe, mich aber auch gleichzeitig darüber aufrege, wenn Nachbarinnen an einem Sonntagmorgen um 7 Uhr bohren.
Denn schließlich ist Ruhetag.
Ich bin homosexuell, trinke Alkohol und bin Muslimin.
Anhand meiner biografischen Geschichte möchte ich der Realität von in Deutschland lebenden muslimischen Queers mehr Sichtbarkeit verleihen und die Vereinbarkeit zunächst konträr erscheinender Identitäten skizzieren.
Vielen Dank fürs Vorlesen und dass du deine Geschichte mit uns teilst.
Du hast als Kind in Euskirchen, eine Kleinstadt in der Nähe von Köln gewohnt.
Wie war es für dich, dort aufzuwachsen?
Also ich hatte ja schon in meiner Einleitung bzw.
in dem Ausschnitt aus meinem Sammelbandbeitrag gesagt, dass es sehr konträr war von den Identitäten, die meine Familie mitgebracht hat und dem, wie die Umwelt für mich war, in der ich aufgewachsen bin.
Und das hat man natürlich erst oder habe ich spät erst gespürt.
Also ich würde jetzt sagen so Kindergartenzeit, vielleicht auch noch Grundschulzeit war das noch nicht sehr spürbar.
Aber je mehr man so konfrontiert wurde mit den Traditionen, die dem Rheinland zugehörig sind, wie zum Beispiel ganz klassisch Karneval oder ich weiß es nicht, auch andere christliche Traditionen, Weihnachten.
Also ich kann mich da noch daran erinnern, dass ich dann im Kindergarten der Schule gefragt wurde, was ich zum Beispiel geschenkt bekommen habe zu Weihnachten.
Ich hatte keine Ahnung, was Weihnachten überhaupt ist.
Und ich glaube, das ist für manche Menschen unvorstellbar, dass man einfach nicht weiß, was Weihnachten ist.
Oder kann man ja auch ganz andere christliche Festlichkeiten beziehen.
Also genau, das war ein Aspekt, dass ich einfach gemerkt habe, irgendwas ist bei mir zu Hause anders als bei meinen MitschülerInnen.
Und an sich war es eigentlich schon ziemlich schön, weil es war für Nordrhein-Westfalen, es ist eine sehr kleine Stadt und es war gemütlich.
Man kannte ganz viele Menschen, die Menschen kannten einen.
Und es war super familieär.
Aber auch natürlich, wie es so eine kleine Stadt hat, auch rassistisch, queerveindlich, islamophob.
Aber das kam noch viel später.
Also dass ich das gecheckt habe, dass das da so ist.
Und das hat noch gedauert bei mir.
Ansonsten bin ich mit sehr viel Familienkontakt aufgewachsen.
Und das war einfach pure Chaos, würde ich sagen.
Also in allen Hinsichten.
Also wir hatten kaum irgendwelche Rituale oder wie es halt so deutsch typisch ist, dass man um 18 Uhr ist.
Oder ich weiß es nicht ganz genau, dass man am Sonntag ist es ein expliziter Familientag.
Ich weiß nicht, das, was ich halt von meinen deutschen MitschülerInnen gekannt hatte.
Sondern es war einfach alles wild.
So sehr viele Menschen, immer und überall sehr viele Menschen, sehr laut.
Unterschiedliche Sprachen.
Niemand hat, ich sag mal in Anführungszeichen, normalen Lautstärke gesprochen.
Aber das war auch super schön.
Es sind sehr viele.
Ja, natürlich libanesischem Essen bin ich aufgewachsen.
Also bei uns war es auf jeden Fall überhaupt nicht eintötig, was das angeht.
Mit sehr klassischen Rollenbildern bin ich aufgewachsen.
Also meine Mutter hat natürlich Haushalt geschmissen, gekocht.
Alles, was dazu gehört, gemacht.
Aber auch, und das ist vielleicht gar nicht so klassisch, würde ich sagen.
Ich bin nicht mit super viel Arbeit aufgewachsen im Sinne von, dass mein Vater zum Beispiel nur wirklich gelegenheitsmäßig gearbeitet.
Also das wurde mir überhaupt nicht vorgelebt, das Arbeiten.
Oder Bildung wurde mir nicht vorgelebt im Sinne von, dass ich akademische Eltern hatte oder Eltern überhaupt mit einem Abschluss oder sowas.
Hattest du Geschwister oder andere Kinder in deinem Umfeld?
Ja, ich hatte zwei jüngere Brüder.
Und wir sind altersmäßig super nah beieinander.
Also ich bin gerade 29, mein Bruder 27 und der andere ist 24.
Und neben meinen Geschwistern habe ich natürlich auch super viele Cousins und Cousinen, die von 15 Jahre jünger als ich sind, bis 15 Jahre älter als ich.
Und da war ich quasi so mittendrin.
Waren sie auch in Euskirchen?
Mütterlicherseits waren alle in Euskirchen.
Maro, was bedeutet es für dich, queer zu sein?
Ich würde sagen, dass es für mich eine Identität, deren Bedeutung im Umbruch ist für mich, weil ich lange Zeit, also gerade als Jugendliche, bis zu meinem Outing meiner Familie gegenüber, war das für mich etwas sehr Negatives, queer zu sein, etwas sehr Schambehaftetes, etwas, das man geheim hält, etwas, das man wegbetet, etwas, das eine Sünde ist.
Genau.
Und nach meinem Outing bzw.
nachdem ich mich immer mehr in die Rolle, was heißt die Rolle, in meine Identität als queere Person eingefunden habe und ich auch auf CSDs gegangen bin oder mich in anderen Gruppierungen, die aktivistisch sind, zusammengetan habe, habe ich mehr Stolz in dieser Identität bekommen.
Und dass dieses Schambehaftete immer mehr verschwunden ist.
Und ich jetzt ja auch überhaupt aussprechen kann, jetzt gerade sagen kann, ich bin queer.
Das war ja für mich lange Zeit überhaupt nicht möglich.
Und es hat für mich sehr viel mit Stolz, mit Kampf zu tun.
Und Kraft, würde ich sagen.
Du hast dein Outing erwähnt.
Möchtest du mehr dazu sagen?
Gerne.
Ich würde sagen, mein Outing hatte verschiedene Phasen.
Also es gab die, ich würde sagen, erste dunkle Phase.
Das war das innere Outing auf jeden Fall.
Dass ich das für mich realisiert habe, dass ich queer bin und ich aber wusste, wie das bewertet wird von anderen Menschen und auch gerade in der Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin.
Und deswegen war das für mich eine sehr dunkle Zeit damals.
Und dann ging es immer mehr nach außen, also dass ich erst, und immer mehr meine ich, also in einem Zeitabstand von Jahren, dass ich das erst der einen Freundin gesagt habe, dann der anderen Freundin.
Das ist auch, würde ich sagen, Teil meines Outings, dass ich mich überhaupt auf eine Dating-App angemeldet habe, wo potenziell jemand aus der Stadt das sehen konnte, dass ich queer bin.
Und dann irgendwann meiner Familie gegenüber.
Und ich würde sagen, das war die Hochphase meines Outings.
Und jetzt ist es einfach nur noch Alltags-Outing, aber das berührt mich nicht mehr so.
Wie alt warst du, als du dein inneres Coming-Out hattest?
Ich würde sagen, ich war ungefähr 15, als ich das erste Mal wirklich das registriert habe.
Ich stehe auf Frauen.
Und wann war dein Coming-Out zu deinen Eltern?
Mit 24.
Okay.
Damit hast du, glaube ich, die nächste Frage beantwortet.
Nämlich, wann hast du entdeckt, dass du queer bist?
Mit 15 dann?
Ja, roundabout mit 15, würde ich sagen.
Bist du mit queeren Role Models aufgewachsen?
Ich würde sagen nein.
Also Role Models, wo ich dann sehen konnte, okay, jemand hat es mir in irgendeiner Art und Weise vorgelebt.
Ich kann es jetzt so machen, wie die Person, oh, es gibt noch mehr Leute als mich.
Also erst als ich das für mich wusste und dann aktiv auf Suche gegangen bin, quasi nach diesen Inhalten, also nach Menschen, die auch queer sind.
Und wo hast du diese Inhalte gefunden?
Im Internet.
Magst du mehr dazu sagen?
Gerne.
Also ich würde sagen, YouTube war mein Go-To-Place, wo ich danach gesucht habe.
Auch tatsächlich super viel oder versucht danach zu suchen nach queer-muslimisch.
Aber da waren die Inhalte noch viel weniger als sie heute sind.
Hast du trotzdem damals was gefunden?
Ja, ich glaube, ich habe vielleicht zwei Inhalte gefunden dazu.
Es kann noch sein, dass es dann noch mehr gab, aber ich habe nur zwei gesehen.
Und das waren aber beides für mich damals erschreckende Geschichten von Menschen.
Oder Geschichten, die ich nicht möchte für mich.
Okay.
Möchtest du mehr dazu sagen?
Gerne.
Also in der einen Geschichte, ich glaube, das war in den USA.
Da gab es eine Person, die sich als queer identifiziert und dafür dann ihren Glauben abgegeben hat.
Und das wusste ich, dass es nicht für mich ist.
Also ich wusste immer, genauso wie ich weiß, dass ich queer bin, bin ich muslimisch.
Und deswegen war das für mich kein Weg.
Und bei der anderen Person, das war ein Schulermann aus England, der wurde komplett, ja, also super schlecht behandelt von seiner Familie, wurde rausgeschmissen, von seinem Vater geschlagen.
Also es war super, super, super schlimm.
Und da, na, das hat mich komplett abgeschreckt.
Marwa, was würdest du gerne deinem jüngeren Ich sagen?
Wir haben jetzt gerade mehrfach die Aufnahmen unterbrochen, weil es einfach für mich super emotional ist, diese Frage zu beantworten und auch gar nicht so einfach für mich zu beantworten.
Also zum einen ist diese Frage für mich emotional, weil ich ja auch an meine Zeit damals zurückdenke, wie es damals für mich war, aber auch weil ich an meine Cousinen und Cousins denke, die vielleicht auch queer sind.
Ja, und ähnliches durchleben.
Oder auch an andere Kinder und Jugendliche, die nie aus solchen Systemen rauskommen.
Und dadurch, dass wir jetzt gerade mehrere Pausen eingelegt haben, hatte ich jetzt auch natürlich ein bisschen mehr Zeit, auch über die Frage nachzudenken, was ich meinem jüngeren Ich sagen würde.
Und mir fällt tatsächlich nichts ein, was mir damals geholfen hätte, was ich jetzt sagen könnte, was meinem jüngeren Ich geholfen hätte.
Ich habe natürlich an die gängigen Floskeln gedacht, wie alles wird gut, aber das wäre eine Lüge.
Ich glaube, deswegen würde ich die Frage einfach so beantworten, dass ich nichts sagen würde, sondern dass ich mir einfach eine Umarmung geben würde.
Vielen Dank für deine Antwort, Marwa.
Wie wichtig ist dir Queerness in deinem Umfeld?
Also ich würde sagen, in meinem Freundinnenkreis ist mir das ziemlich wichtig, weil es doch so ist, auch wenn es nicht dieselben Erfahrungen sind, dass queere Menschen bestimmte Erfahrungen machen und in unterschiedlichen Intensitäten, würde ich sagen.
Aber wir haben alle einen Alltag, in dem wir zum Beispiel mit Queerfeindlichkeit konfrontiert werden oder ein Upringing, in dem wir mit Queerfeindlichkeit konfrontiert wurden, und dass man bestimmte Dinge nicht erklären muss oder sich rechtfertigen muss.
Und gerade wenn Menschen zu einer Gruppe gehören, die diskriminiert wird, ist man zumindest meiner Erfahrung nach grundsätzlich sensibilisierter auch anderen Gruppierungen oder anderen Minderheiten gegenüber.
Und das ist mir dann wiederum wichtig für meine Identität als Muslimin und als Libanesin in Deutschland.
Hat das Wort Community eine Bedeutung in deinem Leben?
Ja, es hat eine Bedeutung.
Auch hier würde ich sagen, hat sie sich gewandelt.
Vielleicht nicht das Wort Community, die Bedeutung davon, aber was ich für eine Community habe, hat sich gewandelt.
Also wenn ich in die Zeit zurückdenke, als ich aufgewachsen bin, war meine Community sehr von der Moschee geprägt.
Und das hat sich auch angefühlt wie eine Community.
Man war in gewisser Hinsicht gleichgesinnt, oder man hat dieselbe Sprache gesprochen, damit meine ich Arabisch zum Beispiel.
Man hat auch ähnliche Identitäten, in denen wir arabisch waren oder sind, und entsprechend auch Erfahrungen gemacht.
Und das hat auch eine Form von Community geschaffen.
Und ich würde sagen, heutzutage sieht meine Community vor allem queer aus, weil ich mich im queeren Aktivismus bewege, aber auch, weil ich mich Gruppierungen angeschlossen habe, die vor allem queer sind und das natürlich dann auch einflussnimmt auf meinen Freund in den Kreis.
Und man dann, ja, also in der Hinsicht so eine safe Bubble für sich geschaffen hat.
Also in dem Fall ich.
Marwa, was tust du gerne?
Ich hatte ja im einleitenden Text vorgelesen, dass ich eine extrovertierte Person bin.
Auch wenn das jetzt vielleicht hier nicht ganz so rüberkommt, weil ich gerade versuche, nicht zu laut zu sein für die Leute, die zuhören, bin ich deswegen sehr viel mit Menschen unterwegs.
Ich bin und das kann dann alles sein.
Also ich bin gerne mit Menschen was essen, was trinken, gemütlichen Abend, aber auch mal wandern oder im Endeffekt kann es einfach jede Art der Aktivität sein.
Hauptsache, es ist mit Menschen.
Was und wer inspiriert dich?
Ich würde sagen, das sind immer unerwartete Dinge, Situationen, die mich inspirieren.
Manchmal ist es ein Gedanke, der in einer Unterhaltung hervorkommt, den ich mir noch nie gemacht habe, also eine Perspektive, die ich noch nie eingenommen habe und das inspiriert mich dann.
Manchmal ist es ein Lied, das ich höre, das mich inspirieren kann.
Ich würde nicht sagen, dass ich die Quelle der Inspiration habe, sondern dass ich viele Mikro-Inspirationen habe in meinem Leben.
An dieser Stelle möchte ich ein kurzes Wort zum Sammelband Liebe ist Halal sagen.
Die HerausgeberInnen sind Carolin Leder, Tukay Zahraj und die Ibn Rushd Göte Moschee in Berlin.
In dieser Moschee leben die Menschen einen Islam, in dem Frauen und Männer gleichberechtigt und gleichwertig sind.
Sowohl Männer als auch Frauen dürfen Predigten halten, das Gebet leiten oder als Imam in Tätig sein.
Die Türen stehen zudem alle queeren Personen offen, um auch ihnen einen Ort der spirituellen Geborgenheit anzubieten.
Alle Glaubensrichtungen des Islam sind herzlich willkommen.
Marwa, im Hidden Identity, dein Beitrag für Liebe ist Halal, erzählst du, dass du mit Sin, in der von deine Familie gegründete Moschee das erste Mal das Gefühl von Gemeinschaft spüren durftest.
Gibt es heute intersektionale Räume, wo es dir gelingt, als queere Muslimin dieses Gefühl zu spüren?
Ich würde sagen kaum.
Es gibt diese Räume punktuell, wie zum Beispiel in der Moschee, von der du gerade erzählt hattest, aber auch, weil ich mit anderen queeren Musliminnen befreundet bin oder in Kontakt stehe und wir uns dann austauschen.
Aber, dass ich den Raum habe, würde ich sagen nein.
Wie kann ich eine bessere Verbündete für queere Musliminnen sein?
Du im Speziellen jetzt, weil du gibst dir schon sehr, sehr viel Mühe.
Und ich könnte jetzt nicht sagen, was du besser machen kannst, dass du eine bessere Verbündete bist.
Vielleicht darf ich das dann am Beispiel von dir sagen, wie man eine gute Verbündete sein kann.
Du bist super respektvoll mit meinen Identitäten.
Du bist dir dem bewusst, dass das ein sensibles Thema ist und dass das nicht einfach ein Thema ist, das man erzählt, wie was man gestern gegessen hat.
Du bist sehr vorsichtig in den Fragen, die du stellst, aber du bist sehr interessiert daran, weil du mich kennenlernen möchtest.
Und vielleicht sind es für manche Leute Kleinigkeiten.
Für mich ist es halt was Großes.
Du gibst dir z.B.
Mühe, wie du meinen Namen aussprichst.
Oder dass du meinen Namen richtig aussprichst auf Arabisch.
Und ich glaube, sich Mühe geben mit der anderen Person.
Und einfach zu wissen, dass es nicht einfach ist.
Danke dir.
Jetzt kriege ich Tränen in den Augen.
Marwa, in deinem Essay beschreibst du dein früheres Leben als großes Schauspiel.
Damit meinst du das Doppelleben, das du in der Schule und zu Hause geführt hast.
Hättest du Lust, uns diesen Abschnitt von deinem sehr berührenden Text hier vorzutragen?
Gerne.
Im jüngeren Kindesalter wurde ich mit geringen religiösen Akzenten erzogen, obwohl meine Familie einer sunnitischen Gemeinde angehörte.
Das änderte sich, als ich ungefähr zehn Jahre alt war.
Denn dann beschlossen meine Onkel, Tanten und meine Eltern, dass sie eine Moschee in unserer Kleinstadt eröffnen wollen.
Ab da hieß es für mich, jeden Samstag für zwei Stunden den Islamunterricht zu besuchen.
Anfänglich war es sehr aufregend, weil ich unter vermeintlich Gleichgesinnten zusammen war und das erste Mal das Gefühl von Gemeinschaft spüren durfte.
Wir haben viel über unseren Glauben gelernt und über unsere Pflichten sowie die uns auf Erlegten verboten.
Diese wurden oft mit Ängsten und Scham untermalt, sodass bloß niemand aus der Reihe tanzen konnte.
Gerade als Kinder der MoscheegründerInnen standen wir besonders unter Druck und Beobachtung.
Nun waren nicht nur unsere Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten sowie unsere Cousins und Cousinen die Kontrollinstanzen darüber, ob wir uns traditions-
und religionsgemäß verhielten, sondern auch die Mitglieder der Moschee.
Der einzige Raum, in dem ich aus diesem vordefinierten Rahmen ausbrechen konnte, war die Schule.
Wenn ich mit meinen FreundInnen zusammen war, die nichts mit der Moschee zu tun hatten, fühlte ich mich frei.
So begann mein Leben, das zu einem großen Schauspiel werden sollte.
In der Schule war ich die laute, extrovertierte Schülerin, die jeden Blödsinn mitmachte.
Zuhause und in der Moschee war ich die pflichtbewusste Devote-Muslimin.
Diese beiden Lebensräume zu trennen, war unglaublich schwer.
Schließlich war ich erst im jungen Pubertätsalter, sodass diese Welten selbstverständlich hin und wieder aufeinander trafen.
Beispielsweise wurde ich von meiner damaligen Klassenlehrerin, vor allem MitschülerInnen, nach meinem Glauben, meiner Herkunft und meiner Kultur ausgefragt.
Teilweise ziemlich detailliert.
In diesen Szenarien übernahm ich die StellvertreterInnenrolle für alle MigrantInnen-Kinder.
Das führte manchmal dazu, dass ich mir von absurden, ernst gemeinten Fragen wie, bringt ihr auch Juden um?
Bis hin zu ganz klar beleidigenden Aussagen wie, Kanacken sind asozial, kennst du einen, kennst du alle?
anhören musste.
Damals wusste ich nicht, was Rassismus ist und dass es wirklich Leute gibt, die mich aufgrund meiner Ethnie und oder religiösen Zugehörigkeit abwerten oder gehasst würden.
Deshalb reagierte ich auf solche Aussagen, indem ich mich mit meinen MitschülerInnen gemeinsam über meine Kultur, meine Familie und meine Religion lustig machte.
Das ging irgendwann so weit, dass ich all das, was mich ausmachte, nicht mehr sein wollte.
Ich wollte nicht mehr die Araberin sein, deren Eltern gebrochenes Deutsch sprachen und die komisches Essen für das Pausenbrot mitbekamen.
Ich wollte nicht mehr die sein, die kein Weihnachten feierte, die nicht in die Innenstadt gehen konnte, ohne einem Familienmitglied zu begegnen und auch nicht die, deren Name falsch ausgesprochen wurde.
Vielen Dank, Barbara.
Danke, dass ich das vorlesen durfte.
Sehr gerne.
Du bist 2020 aufgrund deiner Queerness aus dem Familienhaus geflüchtet.
In diesem Beitrag für Liebe ist Halal erzählst du, dass du danach an einer schweren, depressive Episode und ein Panikattacken liest.
Wie geht es dir heute fast fünf Jahre nach dieser Fluchterfahrung und dem Kontaktabbruch zu deiner Familie?
Ich kann Gott sei Dank sagen, dass es mir viel, viel, viel besser geht.
Viel besser als in der Zeit, als ich bei meiner Familie war und viel besser als die Zeit, die kurze Nacht folgte, als ich geflüchtet bin.
Und auch die schwere Depression, die du gerade angesprochen hast, die hat sicherlich auch schon in der Zeit gestartet, als ich bei meiner Familie noch war.
Und du sagst ja auch, ich bin geflüchtet, ich bin ja geflüchtet.
Das zeigt dir dann auch, dass ich keinen anderen Ausweg gefunden habe, außer heimlich zu gehen.
Und ja, also von heute auf morgen eigentlich all das, was ich eben beschrieben habe, wie ich aufgewachsen bin in dieser Kleinstadt in Neuskirchen, in diesem Familienchaos und Alltag, dass der einfach weggebrochen ist.
Und ich würde sagen, auch fünf Jahre später arbeite ich immer noch daran, zu adaptieren, dass es so ist, wie es ist.
Was meinst du mit adaptieren?
Ich meine, damit, wenn so ein ganzer Lebensbereich wegfällt und...
Also ich glaube ja daran, dass auch Identität sich durch die zwischenmenschliche Beziehung zeigt.
Also wie zum Beispiel, man ist Tochter, man ist Cousine, oder auch Vorbild vielleicht für die jüngeren Mitglieder der Familie.
Und ich würde sagen, dass diese ganzen Teile von mir einfach weggebrochen sind.
Und ich glaube, dass ich...
Also das erste halbe Jahr auf jeden Fall mir wie in so einem Schockzustand war.
Und ich einfach diese Zeit brauchte jetzt, um mich immer mehr, also die Situation zu akzeptieren, dass es so ist, wie es ist gerade für mich.
Also dass ich diese Identitäten nicht mehr habe.
Du merkst ja gerade, ich bin sehr emotional, weil ich immer noch im Prozess der Akzeptanz bin.
Und du hast auch vorhin gesagt, dass deine Community heute die Queer Community ist, aber das ersetzt natürlich nicht die muslimische Community.
Das stimmt nun schon gar nicht in meiner Familie.
Und darüber haben wir auch schon mal gesprochen, dass für mich auch das Konzept von Chosen Family ich nicht für mich zumindest annehmen kann.
Ich finde es schön, dass es Leute können und dass es für sie so viel Kraft gibt, aber für mich funktioniert das nicht.
Also ich kann nicht einfach sagen, ich wähle mir jetzt diese Menschen aus, weil sie mir so nah stehen und die sind für mich jetzt Familie.
Für mich bedeutet Familie einfach was anderes.
Und vor allem, wenn wir über Chosen-Familie reden, manche von uns haben immer noch Kontakt zu der Blutfamilie und das ist praktisch ein Zusatz und wir haben das Privileg, dass beide Kontaktformen bestellen können, was in deinem Fall nicht stimmt.
Ja, das kommt auch wahrscheinlich noch hinzu.
Und ich glaube auch einfach, weil ich in der queeren Community, in der Form, wie ich sie aktuell habe oder in der ich drin bin, fehlt mir der Aspekt von Herkunft einfach und ich merke, dass das für mich viel mehr Familie ausmacht als die Identität queer zu sein.
Möchtest du mehr über diese Fluchterfahrung hier teilen?
Gerne.
Ich glaube, weil einfach viele sich darunter noch nicht so viel vorstellen können, was das bedeutet.
Zu flüchten und für viele ist es, glaube ich, gar nicht Teil der Realität, dass man aus dem Familienhaus flüchten muss.
Ich glaube, in Deutschland ist es in der Regel so, man wird 18 oder erreicht ein bestimmtes Alter und zieht dann einfach aus.
Für mich gab es diese Freiheiten nicht.
Und ich habe da jetzt noch nicht vorher darüber nachgedacht, aber ich glaube, dass wenn ich gewusst hätte, okay es gibt den Tag X und dann kann ich aussehen und dann, es gibt diesen Ausweg aus der Situation, dass ich queer bin, aber unerdeckt queer bleiben muss, weil ich sonst mit schweren Konsequenzen rechnen muss.
Ich glaube, das hätte mir damals geholfen, aber das gab es damals für mich nicht.
Also das heißt, es gab keinen für mich vorgefertigten Weg, wie ich rauskomme, außer ich heirate einen Mann.
Schwierig, wenn man queer ist und eine Frau, beziehungsweise wenn man lesbisch ist und eine Frau.
Und die Exit-Strategien, die haben sich über die Zeit natürlich geändert.
Also wenn ich zu einem Zeitpunkt nur wusste, okay, wenn ich heirate, ein Mann heirate, dass ich dann erst rauskommen kann, dann habe ich mich versucht, mit dem Gedanken anzufreunden, einen nicht so schlimmen Mann zu heiraten.
Einen Mann, der vielleicht liberal ist, nicht so konservativ wie meine Familie.
Und ich glaube auch, dass teilweise meine Cousinen das auch so gemacht haben.
Also gar nicht mal, weil sie queer sind, sondern einfach aus dem Aspekt der Freiheit heraus.
Aber ich konnte mich mit dem Gedanken nicht anfreunden.
Oder was heißt nicht anfreunden?
Das hört sich so low an.
Es ist ein Foltergedanke eigentlich.
Und irgendwann, als ich dann auch immer innerlich stärker wurde mit der Identität, queer zu sein, also noch gar nicht bei meiner Familie geoutet.
Und ich mich dann zum ersten Mal bei meiner Cousine und meinem Cousin geoutet habe, die, ich würde sagen, selber Outcasts bei der Familie sind.
Und dann mich auch mal auf eine Dating-App angemeldet habe.
Das sind ja auch Formen des Ausbrechens, würde ich sagen.
Beziehungsweise habe ich mir da noch unbewusst zu dem Zeitpunkt den Weg geebnet für meine eigene Exit-Strategie.
Und als ich dann meine damalige Partnerin kennengelernt habe über die Dating-App und dieses, wie ich es auch gerade eben schon aus dem Text vorgelesen hatte, dieses Doppelleben, dieses Schauspiel immer schwerer wurde, weil ich tatsächlich jetzt eine Realität hatte, in der ich meine Queerness auslebe und nicht nur für mich habe, also weil ich Sachen im Internet mir anschaue oder weil ich heimlich auf meinem Handy swipe oder sowas, sondern ich hatte eine tatsächlich in der Realität existierende Queerness.
Und das aufrechtzuerhalten, also wirklich dieses Lügen, da hat Geheimhaltung noch mal ein anderes Level erreicht.
Also da wusste ich, das ist kein Zustand, den ich lange aushalte.
Und dann, ich kann mich nicht mehr an viele Dinge erinnern oder nicht an alle Details erinnern von meiner Flucht oder dem Weg zu meiner Flucht hin, weil es für mich super verschwommen ist alles.
Ich wüsste nur, dass ich damals, als ich mit meiner Partnerin darüber gesprochen habe, dass ich einen Ausweg brauche, dass wir da einfach unterschiedliche Dinge durchgegangen sind, also von ich oute mich face to face bis hin zu welche Sicherheitsmaßnahmen es gebraucht hätte, dass es mir gut ging.
Und letzten Endes, weil es für mich eine so unberechenbare Situation war, weil ich nicht wusste, wie reagieren meine Eltern, wie reagieren meine Geschwister, wie gewaltbereit ist mein Vater, was machen die mit mir, wo schicken die mich hin.
Also ich hab da in einem sehr krassen Machtgefälle einfach gelebt.
War dann die letztendliche Lösung, dass ich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion flüchten muss.
Also es war eine monatlange Planung, bis es zum Stichtag X kam.
Ich hab mir erst eine Wohnung gesucht in Köln, weil ich musste jetzt woanders leben.
Und die Wohnung ist ja komplett leer.
Ich ziehe nicht aus und nehm Möbel mit oder irgendwelche anderen Sachen.
Das heißt, ich musste alles von 0 auf 100 kaufen, also von der Gabel bis zum Bett, bis zur Couch, was auch immer.
Und die Sachen kann ich ja schlecht bei mir zu Hause lagern.
Das heißt, ich musste gucken, dass die Sachen bei Menschen unterkommen, die mich damals unterstützt haben dabei.
Oder dass die erst danach geliefert werden.
Das sind halt diese organisatorischen Sachen.
Und ich hatte zumindest das Glück, dass ich zu dem Zeitpunkt schon Geld angespart hatte.
Das heißt, ich hatte nicht den finanziellen Aspekt, der mir Probleme bereitet hat.
Und nachdem ich eine Wohnung hatte, ich wusste, ich habe Möbel oder beziehungsweise Möbel, die noch kommen oder wie auch immer.
Und vielleicht noch so eine kleine Anekdote, an die ich mich auf jeden Fall noch erinnere.
Ich weiß, dass es so oft Situationen gab, wo Dinge fast rausgekommen sind.
Und eine Situation davon war, ich glaube, das kennen alle, die eine Wohnung schon mal gesucht haben in Deutschland.
Man muss, ich weiß gerade gar nicht genau, wie man den nennt, so ein Schufa-Bericht oder Schufa wie auch immer ermitteln lassen.
Also ihr wisst, was ich meine.
Und dann habe ich einen Brief nach Hause bekommen.
Dann hat mich meine Mutter gefragt, warum ich einen Brief von der Schufa bekommen habe.
Sie hat wahrscheinlich gedacht, ich habe irgendwas nicht gezahlt oder ich weiß es nicht ganz genau.
Dass man halt quasi sehr spontan lügen muss auch und auch irgendwas Glaubwürdiges sagt, dass es nicht auffliegt und dass es nicht komisch wirkt.
Oder dass ich, es gibt ja bestimmte Dinge, die will ich ja von mir behalten.
Also wie zum Beispiel, ich konnte mir jetzt auch nicht Kleidung von 0 auf 100 neu kaufen.
Oder manche Sachen kann ich mir nicht neu kaufen, wie meine eigenen Fotos oder meine Papiere, die ich brauche.
Und dass das auch nicht auffällt über diese Monate, dass ich das Sachen in meinem damaligen Kinderzimmer gefehlt habe.
Ja und dieses Konstrukt aufrechtzuerhalten, dass nichts rauskommt, jedes Loch zu stopfen, wo eventuell Informationen durchdringen könnten, das war schon sehr anstrengend.
Und dann blieb ja dann nur noch die Flucht an sich übrig.
Und ich hatte dann, ich weiß nicht mehr das genaue Datum, aber meine Wohnung bekommen in Köln und hatte sie dann an dem Tag geputzt und alles.
Und ich wusste, ich muss aber noch einmal nach Hause fahren, also zu meiner Familie, also dass ich nicht da bleiben konnte.
Und zu dem Zeitpunkt waren auch meine damalige Partnerin und ein Freund von ihr da, also die mich unterstützt haben und aber auch meine Cousine und mein Cousin.
Und die waren alle noch in der Wohnung und ich musste halt wieder zurückfahren.
Ich habe, also das war schon nochmal schwer, weil dann, also quasi, das war ja dann der letzte Tag, an dem es noch die Chance gab, dass was rauskommen kann, dass man irgendwas übersehen hat.
Aber ich würde sagen, das Schlimmste für mich da war, zu wissen, dass man, also das letzte Mal, das letzte Mal die Menschen sieht.
Genau, also das letzte Mal die Familie zu sehen.
Also es macht mich gerade zwar super emotional, aber ich weiß, dass es damals für mich gar nicht emotional war.
Okay.
Oder was heißt gar nicht emotional war, aber ich war, ich glaube, super Adrenalin geladen die ganze Zeit.
Also vor allem, wenn es als es näher kam.
Und es war auch eine Zeit, in der ich sehr gut schlafen konnte.
Also weil ich, glaube ich, am Abend immer so erschöpft war von all dem, was geregelt werden musste, was ich in meinem Kopf hatte, was gemacht werden musste.
Und ich war viel in diesem Missionsmodus.
Und da würde ich sagen, dass Angst ein viel größeres Gefühl war als Trauer, wie es jetzt ist.
Und zur Flucht selbst, wie gesagt, ich bin ein letztes Mal noch mal nach Hause gefahren und hab ein vermeintlich ganz normalen Abend mit meiner Familie verbracht.
Und dann waren eigentlich für mich, bevor ich das letzte Mal da noch geschlafen habe, noch zwei To-Do's offen.
Und zwar hatte ich noch die Kleidung da, die meinen Kleiderschrank so aussehen lassen sollte, dass da noch was drin ist, quasi meine Alibi Kleidung noch.
Und die hab ich noch in einen ganz großen Koffer gepackt.
Und ich hab noch meinen Abschiedsbrief, den ich geschrieben hatte an meine Familie, hatte ich noch an meinen Schreibtischstuhl geklebt.
Und dann habe ich, glaube ich, von zwölf bis drei ungefähr geschlafen.
Und um drei standen schon die Menschen, die mich abholen wollten.
Und zwar war das, wie gesagt, meine damalige Partnerin mit einem Freund von ihr und meine Cousine und meinen Cousinen.
Und ich glaube, ich war auch die Einzige, die in dieser Nacht geschlafen hat.
Also zumindest in dem Zeitspektrum.
Und meinen Eltern hatte ich gesagt, weil ich Angst hatte, dass sie mich quasi morgens erwischen, dass ich für einen Job für ein paar Tage weg muss.
Und hat aber eigentlich so eine Uhrzeit gewählt.
So, was war das, drei, vier Uhr?
Ich weiß es ehrlicherweise gar nicht mehr ganz so genau.
Weil ich gehofft hatte, dass alle schlafen zu dem Zeitpunkt.
Aber mein Vater war wach.
Und wenn ich sage, ich bin für zwei, drei Tage wegen eines Jobs weg, wird er mir nicht glauben, warum ich so einen großen Koffer brauche.
Das heißt, ich musste erst mal sowieso ein bisschen warten, weil auch um vier Uhr morgens muss niemand los.
Und da war ja eh noch die Frage, was mache ich mit diesem großen Koffer?
Und ich glaube, da ist auch zum ersten Mal wirklich Panik ausgebrochen in mir.
Also in diesem gesamten Zeitraum, das was aufliegen könnte.
Und dann hatte ich eben Kontakt mit meiner Partnerin und wir haben geschrieben, was ich jetzt machen kann.
Ich habe die natürlich alle abgedatet, wie gerade die Situation ist.
Und wir haben im Erdgeschoss gewohnt und ich hatte Fenster, die bis zum Boden gingen.
Und deswegen war dann der Plan, dass meine Cousinen und meinen Cousinen an mein Fenster kommen und ich den Koffer einfach austrage und den dann mitgebe.
Und das ist natürlich jetzt auch einfacher gesagt als getan.
Ich hatte nämlich eine Kommode, die vor dem Fenster stand.
Und die musste ich zur Seite schieben und die Rollläden hochmachen.
Und das alles, ohne dass meine Mutter, die im Nachbarzimmer liegt, etwas hört.
Und das Fenster öffnen, einen riesen Koffer raustragen, meine Cousinen, meine Cousinen, die ja an das Fenster gekommen sind.
Das heißt, man hört ja auch, wenn jemand dahin kommt.
Und das ist dann erst mal abgelaufen.
Und ich musste dann alles wieder zurückstellen, Fenster zurollen drunter.
Kommode wieder, oder ich glaube, keine Ahnung, ich weiß es nicht mehr genau, was mit der Kommode war.
Aber ohne nichts konnte ich ja jetzt auch nicht rausgehen und sagen, ich muss jetzt zu einem Job.
Das heißt, ich habe dann so einen kleinen Koffer genommen, der komplett leer war.
Und habe dann meinen Vater verabschiedet und bin gegangen.
Marwa, vielen Dank, dass du diese Geschichte mit uns hier teilst.
2021 hast du an der Fotokampagne der Ibn Rushd-Göthe Moschee hier in Berlin teilgenommen.
Magst du uns den Teil deines Textes zu dieser Erfahrung vorlesen?
Sehr, sehr gerne.
Anfang des Jahres 2021 stoß meine Partnerin auf einen Aufruf einer liberalen Moschee in Berlin, in dem nach queeren muslimischen Personen für eine Fotokampagne gesucht wurde.
Die Kampagne nannte sich Liebe ist Halal.
Mit dem Aufruf der Kampagne konnte ich mich stark identifizieren.
Die Idee, dass die zunächst konträr wirkenden Eigenschaften, queer und muslimisch, in Einklang gebracht werden, reizte mich sehr.
Deshalb war es für mich klar, dass ich mich dafür melden würde.
Ein Videoanruf und mehrere Wochen später war ich bei meinem allerersten Fotoshooting mit anschließendem Interview für eine Berliner Tageszeitung.
In dem Moment war die Teilnahme an der Kampagne für mich eher eine spaßige Aktion.
Erst als mein Bild Monate später riesengroß an Berliner Haltestellen hing, der Artikel in der Zeitung veröffentlicht wurde und die Kampagne, so wie wir, die Gesichter der Kampagne mediale Aufmerksamkeit erhielten, wurde mir bewusst, welche Kontroverse dadurch ausgelöst wurde.
Einige Menschen reagierten mit Hassbotschaften auf die Plakate.
Von der Mehrheit erhielten wir allerdings viel Zustimmung.
Endlich konnte ich für andere die Repräsentation sein, die ich selbst als Jugendliche gebraucht hätte.
Ich hatte die Ehre, einen kleinen Teil zur Sichtbarkeit Queerer muslimischer Frauen beizutragen.
Das war und ist das stolzeste Moment in meinem Leben.
Wie ist es für dich, als queere Person in Deutschland zu leben?
Es ist schwierig, die Frage zu beantworten, weil ich es natürlich nicht anders kenne, wie es wäre, woanders zu leben.
Ich weiß, dass es zumindest einem Familienmitglied aus dem Libanon, das auch queer ist, nicht so gut damit geht.
Deshalb habe ich nicht so viele Vergleichswerte, aber ich würde sagen, als queere Person habe ich in meinem aktuellen Leben sehr viel Glück, weil ich in meinem Arbeitskontext vollumfänglich akzeptiert werde, weil ich meine safer Spaces habe.
Und ich weiß, dass es ein Privileg ist, dass ich Zugang zu solchen Orten habe.
Und ich weiß, dass es vielen queeren POCs nicht so geht.
Sonst würden wir viel mehr von queerer Sichtbarkeit von POCs sehen.
Also ich würde sagen, mir geht es überwiegend gut.
Klar hat man hier und da den Alltag und begegnet unaufgeklärten Menschen.
Aber überwiegend geht es mir ziemlich gut damit.
Gibt es etwas in Deutschland, das du dir für queere Menschen wünschen würdest?
Ich glaube, um deine Frage zu beantworten, muss man ein bisschen unterscheiden.
Es gibt Großstädte in Deutschland, in denen queerer Räume, also in denen es viele queerer Räume gibt, wie zum Beispiel Berlin, aber auch Köln.
Und es gibt Orte, in denen nicht so viel stattfindet.
Und das sind definitiv konservative Orte, aber auch Orte, die einfach kleiner sind, wie zum Beispiel Euskirchen.
Und deswegen würde ich vielleicht aus der Perspektive die Frage beantworten, wenn es für dich okay ist.
Also was ich vielleicht damals gebraucht hätte, was ich den Leuten wünsche in Euskirchen.
Sehr, sehr gerne.
Das kann jetzt daran liegen, dass ich einfach mangelnde Informationen hatte, aber mir ist nicht bekannt, dass es einen Ort gab für Queers in Euskirchen.
Und ich meine, es ist jetzt nicht ein super kleiner Ort.
Also wir sind schon, glaube ich, 60, 65.000 Einwohner in.
Und es gab, soweit ich weiß, nichts.
Ich hoffe natürlich, dass es mittlerweile irgendwas gibt.
Das hätte, glaube ich, damals schon sehr, sehr, sehr, sehr geholfen, als wenn man als Schülerin, Queer, ungeoutet, Probleme mit Outing gehabt hat, zu einem Ort hingehen könnte, wo Leute, die vielleicht sogar darauf spezialisiert sind, sich den Thema anzunehmen.
Weil ich würde behaupten, als jugendliche Person hat man nicht die Kapazitäten, sich eigene Safer Spaces zu schaffen.
Oder ich hatte es zumindest nicht.
Vielleicht haben andere einen anderen Zugang.
Aber ich hatte damals nicht die Kapazitäten dazu und die Möglichkeiten.
Und wenn es einen vorgefertigten Raum gegeben hätte, einen vorgefertigten Safer Space, in dem ich Hilfe bekommen hätte oder vielleicht sogar Gleichgesinnte getroffen hätte, ich glaube, das hätte sehr geholfen.
Natürlich ganz ideal gäbe es sogar vielleicht einen Queeren POC, Queeren Muslimischen Raum.
Also weil das, glaube ich, nochmal spezieller ist, wenn man in einem religiösen Kontext aufwächst und auch noch von Rassismus betroffen ist.
Und dafür, glaube ich, nochmal ein gesondertes Verständnis gebraucht.
Definitiv.
Gibt es etwas anderes, das du gerne in diesem Podcast teilen möchtest?
Das ist eine sehr breite Frage.
Es ist.
Es ist intentional.
Ich glaube, was ich noch sagen würde, ist anknüppend an das, was ich gerade eben gesagt hatte, dass ich mir in meiner Jugend einen vorgefertigten Safer Space gewünscht hätte.
Und vielleicht würde ich da noch was draufsetzen, weil ich bin ja kein Einzelfall.
Ich bin nicht die einzige Person, die das durchlebt hat.
Aber es fühlt sich so an.
Also hat es sich damals sehr, sehr stark danach angefühlt.
Also dass man sich sehr isoliert gefühlt hat, sehr wie das schwarze Schaf.
Also man ist sonderbar, man ist nicht normal.
Man ist einfach anders und in jeder Hinsicht anders.
Also in der Schule anders, weil man nicht deutsch ist, zu Hause anders, weil man queer ist oder vielleicht sogar liberalere Ansichten hat.
Und ich glaube, ich hätte mir oder ich würde mir wünschen, dass es einfach mehr Sichtbarkeit in diesem Bereich gibt.
Ich nenne es jetzt einfach mal kleine Mavas, die es gibt.
Dass diese Menschen wissen, sie sind nicht alleine, auch wenn das so nach Floskel klingt, sie sind aber nicht alleine.
Sie sind nicht die einzigen Menschen, die das durchleben.
Sie sind nicht die einzigen, die das Gefühl haben, in Isolation zu leben und dass niemand es verstehen kann.
Weil ich glaube, was viele deutsche Mitschülerinnen damals wahrscheinlich nicht verstanden hätten, ist dadurch, dass man in dieser Gemeinde aufgewachsen ist, dass man sehr viel innerhalb der Familie gemacht hat, dass es wie so ein eigenes Regelsystem gab.
Es war einfach wie eine Subgesellschaft, die nicht sichtbar war in der deutschen Allgemeingesellschaft.
Und innerhalb dieser Subgesellschaft ist man aufgrund der Queerness noch mal isoliert.
Also man ist isoliert durch die Subgesellschaft, die Familie, Gemeinde, wie auch immer Vereine geschaffen haben, aber auch durch die eigene Queerness innerhalb dieser Subgesellschaft.
Und ja, das kann sich sehr stark nach alleine anfühlen.
Deshalb erst mal an dieser Stelle, dass ich hier sein darf.
Aber das ist man nicht.
Also man ist nicht alleine, weil es ganz vielen so geht.
Ich würd noch gerne was ganz anderes noch sagen.
Ich lese gerade die ganze Zeit, ich kann nicht so gut Französisch, vielleicht kannst du das vorlesen, vielleicht nochmal.
Cherche ma maison, also such mein Zuhause, glaube ich heißt das.
Und ich glaube, das oder für mich zumindest ist es so, dass man sich vielleicht nicht seine Familie aussuchen kann.
Also Chosen Family, da hab ich ja gerade eben schon so was zugesagt.
Aber man kann sich sein Zuhause aussuchen und das kann man auch finden.
Danke.
Marwa, zum Schluss hast du vielleicht Lust auf einen Quickie mit mir?
Es geht nicht um Sex, sondern um eine Fragenreihe, die du kurz und knackig beantworten darfst.
Let's do it.
Let's go.
Die Qualität, die du bei einer Person am meisten schätzt?
Verständnis.
Deine größte Qualität?
Humor.
Was macht dich glücklich?
Menschen.
Was hat dich letztens stolz gemacht?
Veröffentlichung des Sammelbands.
Ein Lied, das du gerade gerne hörst?
Levi's Jeans von Beyoncé und Post Malone.
Eine Person, die du attraktiv findest?
Juicy.
Jetzt, jetzt.
Dich?
No for real.
Ich werde rot.
Einen Content, den du empfehlen würdest?
Den Sammelband.
Liebe ist Halal.
Dein Lieblingsgericht.
Das hab ich leider schon lange nicht mehr gegessen.
Aber das ist ein arabisch-libanesisches Gericht.
Mluhriye heißt das.
Okay, was ist da drin?
Also Mluhriye, das sind bestimmte Blätter.
Ich weiß gar nicht, Mangoldblätter glaube ich sind das.
Und das sieht so ähnlich aus wie Spinat.
Und das isst man auch mit Reis.
Da ist sehr viel Knoblauch drin.
Sehr viel Knoblauch.
Ich gönne nur den Namen von diesem Blätter.
Ich bin ja französisch.
Ein großer Wunsch von dir, inneren Frieden zu finden.
Deine Stimmen gehts grad.
Mittlerweile sehr gelassen.
Marwa, vielen Dank, dass du dir heute Zeit genommen hast, um dazu beiträgst, die Stimme queerer Menschen lauter zu machen.
Danke, dass ich hier sein durfte.
Und dass du mir diesen Raum geschaffen hast, in dem ich einfach sein konnte.
Sehr, sehr gerne.
Danke, dass du da warst.