Queer Voices Podcast

Élie Chevillet

#10 Emilia Prebeck | Transfeminität, Schreiben, Queer Joy

04.08.2025 76 min Élie Chevillet

Zusammenfassung & Show Notes

Heute darf ich Emilia Prebeck empfangen. Das Einzige, was sich in Emilias Leben seit ihrem siebzehnten Lebensjahr nicht verändert hat, ist das Schreiben. Emilia hat den Text für die Hörspielproduktion „Das Skelett bei der Arbeit” des Theaterkollektivs theter geschrieben. „Das Skelett bei der Arbeit” ist ein politischer Roman; die Befragung einer Stadt durch die Stimmen ihrer Figuren; und die Suche nach Utopie in einem Raum, der sie zu ersticken versucht – unbedingt reinhören! Übrigens spielt Emilia in der Hörspielreihe auch Klavier. Außerdem schreibt sie über ihr eigenes Leben, gerne gemischt mit Fiktion und Essay-Elementen. Auf Instagram dokumentiert sie mit ausdrucksstarken Texten ihre Transition, oder wie sie es selbst beschreibt: „Die Bewegung vom männlichen Privileg durch das absolut dystopische Tal der Transphobie hin zum 'normalen' Sexismus”. 


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Transkript

SPEAKER_1
00:00:04
Hi, ich bin Élie Chevillet. Herzlich willkommen bei Queer Voices, der Podcast der queeren Menschen in Augsburg und der Welt eine Stimme gibt. Heute darf ich Emilia Prebeck empfangen. Das einzige, was sich in Emilias Leben seit ihrem 17. Lebensjahr nicht verändert hat, ist das Schreiben. Emilia hat den Text für die Hörspielproduktion Das Skelett bei der Arbeit des Theaterskollektivs Täter geschrieben. Das Skelett bei der Arbeit ist ein politischer Roman, die Befragung einer Stadt durch die Stimmen ihrer Figuren und die Suche nach Utopie in einem Raum, der sie zu ersticken versucht. Unbedingt reinhören. Übrigens spielt Emilia in der Hörspielreihe auch Klavier. Außerdem schreibt sie über ihr eigenes Leben, gern gemischt mit Fiktion und Essay-Elementen. Auf Instagram dokumentiert sie mit ausdrucksstarken Texten ihre Transition oder wie sie es selber schreibt, die Bewegung vom männlichen Privileg durch das absolut dystopische Teil der Transphobie hin zum normalen Sexismus. Emilia schreibt übrigens sehr viel auf Englisch und werde ein paar ihrer Texte in der originalen Sprache vortragen. Hi Emilia.
SPEAKER_2
00:01:37
Hallo.
SPEAKER_1
00:01:38
Danke, dass du meine Einladung angenommen hast.
SPEAKER_2
00:01:41
Wie könnte ich nicht?
SPEAKER_1
00:01:43
Ich freue mich sehr, mit dir aufnehmen zu dürfen.
SPEAKER_2
00:01:46
Ich bin sehr gespannt, wo es uns hintreiben wird.
SPEAKER_1
00:01:49
Same. Magst du dich zu Beginn vorstellen, deine Pronomen teilen und erzählen, wie du dich identifizierst?
SPEAKER_2
00:01:59
Ja, hi. Ich bin Emilia. Meine Pronomen sind sie, ihr. Ich identifiere sie mich als Transfrau. Ich bin Literaturwissenschaftlerin, sag ich jetzt mal, in meinem Master. Und ich schreibe ganz viel und habe auch ein bisschen Theatervergangenheit. Ich würde sagen, ich versuche, möglichst künstlerisch und kreativ durchs Leben zu schreiten und währenddessen versuchen, herauszufinden, was in dem jeweiligen Moment am ehesten die Wahrheit ist. Oder so ähnlich.
SPEAKER_1
00:02:32
Das klingt sehr spannend. Du hast als Kind in Ebermergen, ein bayerisches Dorf gewohnt. Wie war es für dich, dort aufzuwachsen?
SPEAKER_2
00:02:43
Lame. Leute sagen dann immer, oh, habe ich noch nie gehört. Da sage ich immer so, ja, gibt doch keinen Grund dafür. Und dazu stehe ich. Dafür stehe ich mit meinem Namen.
SPEAKER_1
00:02:59
Emilia, was bedeutet es für dich, queer zu sein?
SPEAKER_2
00:03:03
Was es bedeutet, queer zu sein? Ich glaube, es kann in unterschiedlichen Momenten unterschiedliches bedeuten, was natürlich auch mit dem Wort an sich zusammenhängt, weil das Wort ist ja, es fächert sich ja auch auf in Verschiedenes, je nachdem, was gerade der Kontext ist. Benutze ich gerade queer eher in dem Kontext, in dem ich zum Beispiel über meine sexuelle Orientierung spreche oder in dem ich was Politisches evozieren will, sind zwei Dinge, die absolut funktionieren. So und ich glaube, für mich hat es ganz viel mit Öffnung zu tun. Gerade explizit das Wort Queer steht für mich für eine Bewegung von Öffnung im eigenen Selbst, im Wechselspiel zwischen Selbst und Welt. Es hat einen Aspekt des sich entgegenstellens, das würde ich sagen, ist der politische Aspekt. Aber ich glaube, es ist auch wichtig, das Wort nicht nur darauf zu reduzieren und nicht nur es über einen Antagonismus zu definieren, sondern stattdessen auch zu sagen, es geht auch um eine ganz proaktive Form des Aufgehens, des Blühens, das der Begriff irgendwie impliziert. Der sagt, hey, nutz das Gefühl dieses Begriffes für eine Öffnung in viele verschiedene Richtungen. Ich glaube, das, ja.
SPEAKER_1
00:04:26
Wann hast du entdeckt, dass du queer bist?
SPEAKER_2
00:04:29
Grad leider ganz, ganz spät. Ähm, gut, das Spät ist natürlich auch ein relativer Begriff. Aber ich glaube, ich hatte eine ganz lange Zeit meines Lebens nicht so wirklich einen Bezug zu dem Begriff. Also es war irgendwie so dieses Gefühl von dieser Begriff meint irgendwas, aber ich bin nicht Teil dessen, was gemeint wird. Und dann hat es irgendwann diese Bewegung gemacht hinzu, dass da sowas Sehnsüchtiges mit drin war, dass es so dieses Ding hatte von, man, manchmal wünschte ich mir auch, dass ich einfach so ein bisschen Queerer wäre. Also was lustig ist, weil ich würde sagen, in Bezug auf die eigene Identität und die eigenen Wünsche impliziert eine Sehnsucht wohin, ja, schon auch das da was ist. Und ich glaube, es hat gebraucht, bis ich 26 war, dass ich einen tatsächlich guten Zugriff zu diesem Wort gefunden habe, der auch nicht nur ein theoretischer Zugriff ist, nicht nur ein Ding von, okay, ich kann theoretisch für mich Aspekte dieses Wortes konzeptualisieren, sondern ich merke, dass dieses Wort mir in den Körper wandert und ich merke, dass dieses Wort eine Form von Embodiment erzeugt, die tatsächlich was mit mir macht, außerhalb von einem abstrakten intellektuellen Prozess.
SPEAKER_1
00:05:50
Heißt das, dass du dich davor nicht queer genug gefühlt hast?
SPEAKER_2
00:05:56
Ja, davor hatte ich ganz lange so dieses Ding von, ich habe mich eine sehr, sehr lange Zeit meines Lebens für einen straightened Cisman gehalten, was sehr seltsam ist, so zurückblickend und man auch sagen kann, so okay, gut, die Zeichen waren schon da. Man muss sie halt auch lesen und interpretieren können, aber das habe ich nicht gemacht. So und deswegen, daher glaube ich auch so dieser Kontext von, da war so diese Sehnsucht da, aber gleichzeitig auch so dieses Gefühl von, nee, ich habe da gar keinen Zugriff drauf, ich kann es für mich nicht irgendwie mit mir selbst in Zusammenhang konzeptualisieren. Deswegen, ja.
SPEAKER_1
00:06:41
Bist du mit queeren Role Models aufgewachsen?
SPEAKER_2
00:06:44
Überhaupt gar nicht. Wirklich keine Spur davon und ich würde auch sagen, dass es lange gedauert hat, bis ich zum ersten Mal auch das Gefühl hatte, nicht nur, also gar nicht nur Role Models, sondern auch irgendwie Formen von Repräsentation zu haben, auf die ich irgendwie zugreifen konnte.
SPEAKER_1
00:07:08
Wann hast du das erste Mal das gehabt?
SPEAKER_2
00:07:11
Ja, ich glaube schon bis in meine Mittzwanziger, dass es gedauert hat und dann auch so natürlich dann auch die Frage Role Models. Natürlich ist Queerness schon irgendwie sichtbar und die war für mich auch vorher schon sichtbar, aber halt auf eine andere Art und Weise. Ich finde ein Role Model impliziert was, wo dann auch wirklich irgendwie so ein Gefühl von Verbindung herrscht und ja, das kam relativ spät. Vorher war es eher sowas, was irgendwie so an den Grenzen der eigenen Wahrnehmung mal auftaucht, aber dann auch wieder ganz schnell verzischt und gar nicht überhaupt diese Form von Präsenz irgendwie entwickeln kann, würde ich sagen.
SPEAKER_1
00:07:55
Emilia, was würdest du gerne deinem jüngeren Ich sagen?
SPEAKER_2
00:07:59
Das kommt ein bisschen darauf an, welches jüngere Ich es ist und wo ich glaube, den meisten Versionen meines jüngeren Ichs würde ich sagen, zieh deine Maske ab und ich glaube, dass die Aussage dann auch in unterschiedlichen Momenten eine unterschiedliche Bedeutung hat, aber dass sie jedes Mal einen Punkt treffen würde und wahrscheinlich würde sie auch jetzt einen Punkt treffen, wenn mein Zukunfts-Ich jetzt vor mir steht und sagt, hey, nimm deine Maske ab. Ich glaube, dass kann man sich als Mantra wiederholen. Es gibt Momente, in denen ich meinen Vergangenheits-Ich gerne rütteln würde und sagen würde, hey, du bist trans, kannst du das bitte checken und was machen? Und dann gibt es Momente, wo ich mir denke, da wäre es genau richtig. Und dann gibt es wieder andere Momente, wo ich mir denke, oh, da wird es wahrscheinlich nach hinten losgehen. Aber ich habe einen spezifischen Moment im Kopf, wo ich das so gerne machen würde. Und ich glaube, um mal aus diesem Konfrontationsaspekt rauszukommen, würde ich mein jüngeres Ich auch gerne einfach in den Arm nehmen und irgendwie gar nicht so sehr versprachlich versuchen, irgendwie so groß eine Message rüberzukriegen, sondern viel eher einfach in was körperlich-sprachlichem enthalten, in eine Sanftheit reingehen und sagen, hey, es ist okay, dass du dir das findest.
SPEAKER_1
00:09:25
Magst du mehr über diesen Moment sagen?
SPEAKER_2
00:09:28
An dem ich, wenn ich rütteln würde? Ja, es gab einmal diesen Moment, Gott, ich weiß die Jahreszahl leider nicht mehr, aber das war, als das Täter-Ensemble zum ersten Mal den Opernball gemacht hat. Und der Opernball war dann ja so, alle konnten sich irgendwie Nummern natürlich so wieder überlegen, die sie auf die Bühne bringen wollen und halt eine sehr große Freiheit an was jetzt die Nummer ist, die man selber machen möchte. Und ich habe als Nummer, ich habe so ein Gedicht geschrieben, in dem es darum ging, dass ich darauf warte, dass mich jemand zu dem Ball einlädt und abholt und so dieses Warten da drin vorkommt. Und ich habe halt vorher, bevor das stattgefunden hat, auf der Bühne mich zurecht schminken lassen, hatte ein Kleid, hatte tolle Schuhe, hatte so einen Seidenschal und so. Great Femme Look. Und ich glaube, ich war 21 oder so damals. Und das ist der Moment, wo ich mir rückblickend sehr oft denke, Mensch, hätte es da nicht, hätte das nicht der Moment sein können, in dem mir das bewusst wird. Aber war es nicht, sondern im Endeffekt dann halt auch so ein vorbeiziehender Moment, der seine Bedeutung in seiner Präsenz entfaltet und sobald die Präsenz aufhört, eigentlich auch schon wieder in eine Truhe gepackt wird und als Anekdote, wohin gestellt wird und contained wird, könnte man sagen. Und das ist der Moment, wo ich mir nämlich denke, dass mein Vergangenheits-Ich tatsächlich rezeptiv dafür gewesen wäre, dass es da funktionieren würde, wenn ich sagen würde, hey, was du gerade machst, deutet sehr deutlich auf etwas hin, willst du da nichts machen. Noch so.
SPEAKER_1
00:11:10
Danke für das Erzählen. Emilia, wie wichtig ist dir Queerness in deinem Umfeld?
SPEAKER_2
00:11:19
Mal mehr, mal weniger wichtig. Also ich denke schon, dass es grundsätzlich hilfreich ist, ein Umfeld zu haben, in dem Queerness präsent ist und in dem auch Queerness in den verschiedenen Schattierungen eine Präsenz hat und ein Bewusstsein hat und Menschen auch irgendwie in diesem Bewusstsein handeln und leben und auch gerade so auch in die politischen Implikationen davon reingehen. Ich weiß aber auch, dass ich im Vergleich zu anderen Menschen, die ich kenne, manchmal auch weniger stark das Bedürfnis nach dieser krassen Präsenz davon habe und mir manchmal auch denke so, mir ist ein Verständnis dafür schon irgendwie wichtig und auch irgendwie ein Interesse und so die Möglichkeit von Präsenz, die Möglichkeit davon, dass es in einem Raum sein kann und auch besprochen werden kann und so weiter, aber manchmal ist es mir auch wichtig, dass es gar nicht so ein großes Thema sein muss, glaube ich. Und ich glaube, manchmal genießt sich eine Balance zwischen den beiden Sachen.
SPEAKER_1
00:12:20
Hat das Wort Community eine Bedeutung in deinem Leben?
SPEAKER_2
00:12:25
Ja, hat es, aber es kippt auch viel. Es kippt viel hin und her. Es bedeutet unterschiedliche Dinge in unterschiedlichen Momenten, glaube ich. Und es gibt manchmal Momente, in denen bin ich total dankbar für das Gefühl von Community, das ich habe. Und es gibt andere Momente, in denen ich das Gefühl habe, ich stelle mir unter dem Wort was ganz anderes vor als das, was tatsächlich dann da ist. Und ich glaube, das Wort macht in meinem Kopf eine ganz eigene, eine ganz eigene Philosophie auf, in die man eigentlich reingehen müsste. Also zum Beispiel dann auch so diese Frage von, inwiefern ist Community was, das wir erkämpfen wollen, das aber gleichzeitig ja auch erstickt wird. Das es wird uns sehr unglaublich schwer gemacht, Community tatsächlich erleben zu können und haben zu können. Und oft habe ich das Gefühl, dass Community auch was ist, das in der Flüchtigkeit entsteht. Und manchmal glaube ich, ist dann so, manchmal habe ich das Gefühl, man muss Flüchtigkeit akzeptieren. Manchmal habe ich das Gefühl, man muss umso mehr dann an einer strukturellen Verfestigung arbeiten. Aber genau, ich mache hier eine Riesentür gerade auf und habe das Gefühl, ich kann es selber gar nicht schnell beantworten.
SPEAKER_1
00:13:45
Emilia, was tust du gerne?
SPEAKER_2
00:13:48
Ein paar Sachen wurden ja schon genannt. Ich schreibe sehr gerne, auch wenn ich manchmal auch das Gefühl habe, es gibt mir eigentlich nur Anstrengung. Ich glaube, dass es mit den Sachen, die einem wichtig sind, ist es so. Man will sie unbedingt und gleichzeitig sind es die Sachen, die einem total stressen. Ich spiele sehr gerne Klavier. Ich finde Pilates ganz, ganz toll und Yoga manchmal auch. Oder so Mischformen aus Beiben. Ich höre auch total gerne Musik. Also ich finde, das ist manchmal auch eine Beschäftigung für sich selbst. Ich mag Wasser sehr gerne. Ich mag auch Blödsinn sehr gerne. Drumblödeln. Erzählen. Und auch so ganz in Abgrenzung zu erklären oder debattieren oder so was. Das meine ich nicht. Ich meine wirklich, ich meine diesen Akt des Erzählens. Ich mag sehr gerne Ja-und-Kontexte, in die Menschen miteinander gehen, im Gegensatz zu diesen ständigen Ja-aber Kontexten.
SPEAKER_1
00:14:53
Was hörst du für Musik?
SPEAKER_2
00:14:55
Ich glaube, meine beiden liebsten Genres sind Rap und klassische Musik. So das sind die zwei Sachen, die ich auf jeden Fall am meisten höre. Ich höre in letzter Zeit viel Bach und Shostakovich, Rachmaninoff. Ich find, Russen sind so gut in klassischer Musik. Kendrick Lamar finde ich ganz toll. Ganz weit oben auf meiner Artistslist. Billie Eilish ist sehr weit oben auf meiner Artistslist. Ich mag es auch gerne. Ich mag es sehr gerne, wenn Musik komplex ist. Und ich mag es sehr gerne, wenn Musik Hörgewohnheiten herausfordert. Und das ist so ein Ding ist von, du hörst es das erste Mal und bist initiativ erst mal überrascht und denkst dir so, hä, was macht das gerade für eine Richtung, die ich nicht vorhergesehen habe? Und dann hörst du es zum zehnten oder zum hundertsten Mal und denkst dir, ich kann es mir gar nicht mehr anders vorstellen. Es muss genau das machen, was mich beim ersten Mal so geschmissen hat und was mich beim ersten Mal so herausgefordert hat. Und ich mag es sehr gerne bei Musik, wenn es, wenn sie auch manchmal so ein bisschen als Rätsel daherkommt.
SPEAKER_1
00:15:57
Was und wer inspiriert dich?
SPEAKER_2
00:16:01
Ich glaube, dass künstlerisch mich das Konzept von radikaler Ehrlichkeit sehr inspiriert. Dieses Spüren und Merken, dass da eine ganz, ganz starke Entkleidung stattfindet in dem Kunstwerk. Das ist ein ganz, ganz starker Wunsch, was unverblümt zu sagen, aber dann doch kunstvolle Wege zu finden, das zu machen. Aber trotzdem so sehr beim konkreten Bleiben, das auch eben herausfordert und das auch einen Schmerz mit sich bringen kann oder auch eine Angst, weil es so sehr in den Spiegel reingeht. Und wenn Menschen das schaffen, das gut aufrecht zu erhalten, auf eine schöne, künstlerische Art und Weise. Das inspiriert mich auf jeden Fall sehr. Wer inspiriert mich? Ganz, ganz, ganz viele Menschen wirklich. Und auch nicht nur Menschen, sondern auch Momente. Also ich zum Beispiel vorgestern hatte ich so einen Moment, da war ich joggen und dann habe ich so eine Pause am Wasser, an der Wehrtacht gemacht und war dann irgendwie so im Wasser drin. Und dann hatte ich so diesen Moment, wo ich mir gedacht habe, ich muss jetzt irgendwie Blätter anfassen und die Oberfläche von denen spüren und mich total connected gefühlt und so. Und es war natürlich auch ein inspirierender Moment, so auch wenn da jetzt niemand so als Person involviert war, sondern es war einfach der Kontext, der dann irgendwie für Inspiration gesorgt hat. Und ansonsten glaube ich auch so das Polykül der Dichterinnen und Denkerinnen, die mich beeinflussen. Franzosen, die in den 80ern Philosophie betrieben haben, die inspirieren mich seltsamerweise total zum Beispiel. Als um ein Beispiel zu nennen, ich kann ewig weitermachen. Durch Raum und Zeit hindurch, die Liste wird kontinuierlich länger und es wird kontinuierlich schwerer für mich es zu überblicken. Und auch die Widersprüche darin werden größer. Die Ambiguität und Ambivalenz darin wird größer, was glaube ich auch joyful ist als Prozess.
SPEAKER_1
00:18:16
Ja. Was bedeutet für dich radikale Ehrlichkeit?
SPEAKER_2
00:18:22
Kendrick Lamar's Album Mr. Morale and the Big Steppers ist so sehr ein Beispiel für hör dir das an und du weißt, wie künstlerisch radikale Ehrlichkeit funktioniert. So es tut weh, es ist hässlich an manchen Stellen und unangenehm. An anderen Stellen wird es transzendent, geht in so eine starke Healing Power rein. Dadurch, dass es mit dieser Aufdeckung und der darauf folgenden Transformation sich irgendwie auseinandersetzt. Dadurch, dass es die Maske abreißt und sie unten hält bei sich selbst und in der Wechselwirkung das dann bei der Person, die es konsumiert, halt auch erzeugt. Je nachdem, von welchem Standpunkt her du es natürlich hörst so und von welchem Punkt aus es dich berührt, weil es natürlich auch unterschiedliche Menschen an komplett unterschiedlichen Punkten berührt. Aber ich glaube, das ist der Moment, in dem in dem Kunstwerk radikale Ehrlichkeit passiert. Wenn es ein Prozess ist, der sich selbst entmantelt und dabei wirklich versucht, alles auszuleuchten und dann in der Wechselwirkung es auch schafft, die Person, die es konsumiert, so zu berühren, dass vielleicht nicht ein Transformationsprozess hervorgerufen wird, weil dann würde man ja wieder irgendwie so die ganze Verantwortung auf das Kunstwerk abwälzen. Aber dass auf jeden Fall es eröffnet wird, dass man an den Punkt hingestoßen wird, an dem man merkt, okay, von hier aus werde ich aus meinem Konsummoment herausgezogen und in etwas Aktives reingestürzt auf einmal und muss jetzt damit klarkommen und das bewältigen und entweder mich umdrehen und sagen, okay, ich muss weg von hier oder sagen, okay, dann lasse ich mich jetzt drauf ein. Ich habe dieses Album genannt, weil es das Erste, was mir in den Kopf kommt. Aber ich finde, es ist so programmatisch für viel Kunst, die das macht. Und in dem finde ich da sehr, sehr viel gebündelt.
SPEAKER_1
00:20:22
Auf Instagram dokumentierst du deine Transition, die du 2022 begonnen hast. Du nennst deine Posts, Diary of Coming to Life. Hast du Lust, ein paar diese ausdrucksstarken Texte hier vorzutragen?
SPEAKER_2
00:20:42
Habe ich denn eine Wahl? Ich habe eine Wahl, ja, ich weiß. Nein, ich lasse mich gerne drauf ein.
SPEAKER_1
00:20:49
Du hast immer die Wahl hier.
SPEAKER_2
00:20:51
Das ist auch spannend. Das Dokumentieren klingt fast, das klingt wie sowas Intentionales. Ich glaube, ich weiß gar nicht, ob es so intentional war im Moment. Also ich glaube, es entsteht vielmehr dann immer aus so einem, im Moment heraus, aus so einem Gefühl, aus so einem Bedürfnis. Und was halt das Schöne daran ist, ist so, man hat dann irgendwie nicht nur seinen eigenen Blick auf Dinge, sondern irgendwie den Blick von anderen Menschen, der natürlich irgendwie flüchtig ist. Und man weiß überhaupt nicht, inwiefern der jetzt tatsächlich irgendwie was aufnimmt, was da so nach außen gesendet wird. Aber die Tatsache der Möglichkeit, dass man nicht nur selber auf was schaut, sondern andere Leute dazu einlädt, auf was schauen, macht es dann irgendwie realer. Ich glaube, das ist so, dass dann daraus quasi das Gefühl von der Dokumentation entsteht, auch wenn es eigentlich gar nicht so intentional war, sondern eher was, was mir so aus Stimmungen heraus passiert ist. Aber ja, lesen wir mal einen Text rein, oder?
SPEAKER_1
00:21:53
Sehr gerne.
SPEAKER_2
00:21:55
Ich bin sehr gespannt. Ich habe die nämlich alle sehr, sehr lange nicht mehr gelesen. Und ich weiß ganz genau, dass es jetzt bestimmt irgendwie was in mir hochholen wird, von dem ich überhaupt nicht weiß, was es sein wird. Und es fühlt sich aufregend an.
SPEAKER_1
00:22:10
Das glaube ich dir.
SPEAKER_2
00:22:12
Okay, du hast hier Sachen rausgesucht. Und es fängt an mit dem 16. Februar 2023. It's almost exactly one year since I've been in quarantine for the last time. Which was genuinely one of the most intense time periods in my life. Not because I was sick, but because my egg broke and I came out to myself and was like, well, I guess I can't go on living as a man anymore. I looked at those pictures more and more often in the time before a sad thing happened, often times with feelings of agony, despair and longing. And even more afterwards. I know that this is a stupid thought to engage with, but when I look at those pictures, I sometimes ask myself, why couldn't it have happened back then? Why did it need another five years? Especially when I contemplate the last one, the euphoric one. I get overwhelmed by feelings of loss, time I have lost, moments that I could have had that were never to be. I look at her and I somehow miss her. I wish I could have been with her instead of this ghost as whom I was living most of the time. Now, so many things are much better. I feel lighter, more free, more healthy, and more in touch with my body and myself in general. But still, sometimes I just feel like crying when I think about my life, thus far, and how long it all took me. Das ist schön, das ist der Text zu dem Post von den Bildern, über die ich gerade gesprochen habe, vom Opernball.
SPEAKER_1
00:23:45
Oh wow.
SPEAKER_2
00:23:46
Ja, genau, das ist der last one, the euphoric one, dass ich da erwähne. Das ist das Schönste von den, ich glaube, drei Bildern, die es davon gibt. Jetzt kommt einer vom 6. Mai 2023. Stairs and glances, eyes that scrutinize me, my body, my being. When I ride my bike through the city, public transportation, sidewalks and hallways, they look at me not like one looks at a person, a human being, but an animal. They strip myself away from me. They judge me, show me hatred, confusion or disgust. There are eyes growing on my body, strangers eyes that look at me constantly. It's like a creeping disease, an infection of eyes popping up here and there. Some on my face, some on my belly, my legs, my butt, my breasts. On the bus, their eyes can't find a conclusion they're happy with, so they stare between my legs, indignant glares that turn away hastily as soon as I meet them. But those eyes turn inwards. I cannot distinguish the strangers eyes from my own anymore. They melt together. Outside organs that grow all over me, nailing me down to their order. Their hate and disgust become my own, even though I'm kicking and screaming, trying to protect myself. The world feels like a zoo, displaying me as some abject curiosity, or as a virus, contagious, something better to be eradicated. It frightens me, turns me mad, sad, angry. Look at, with pain and face all clownish and weird. The hateful things, some of them sometimes say, they echo in my head. I turn into an object, an object of discussion, of objection, an object to be dismissed. My right to life, an object of discussion. Have you been listening to what is sad about us? The discourse? Well, you better don't. 1. Januar 2024 Gosh, end of 2023 has been really rough for me. One of the most challenging aspects, together with some more personal stuff, is the ever increasing hostility I'm getting confronted with by the outside world. As a trans woman, without the privilege of passing, people really don't mind showing you that they think of you as a second-class person at best, rather an untouchable. Wherever I go, including some queer spaces, this constitutes the atmosphere I have to deal with, and it violently creeps into my head and my body. This makes supportive spaces even more important. Sadly, even people within these supportive spaces tend to reproduce those same contemptuous patterns just in a more subtle way. For example, by accepting that I may not be a man, at least not a real one, but still they wriggle around using the right pronouns and just settle with using none at all. They don't treat me as a man, but they also, maybe without realizing it, refuse to treat me as a woman. In fact, many of them, mostly cis men, but others as well, don't seem to know how to treat me at all and just end up making me feel like some genderless blob that makes other people think, you freak, please don't talk with me and don't be weird. Seriously, this sucks really hard. And I seriously don't even know what to do about that anymore. Find a spell that makes me pass so that all those poor wannabe supportive cis people don't have to feel so uncomfortable around me anymore, because that's how they feel, uncomfortable, to the point of being assholes without realizing it, uncomfortable while carrying around their own gender privileges without wanting to think about them too much, or even realizing what they mean. Which is something I don't get. But well, I'm really getting tired of holding space for others in that regard. I'm pretty busy with holding space for my own, because this, this right now, is pretty much going through flames. And at this point, I just hope that 2024 will lead to some sort of turning point for me. If not concerning the outside world, then at least in the way I tend to deal with this shitshow, I'm exhausted. Und der letzte, 31. Mai 2024, just a 1.5 years HRT celebratory photodump of some recent pics I liked. Wanna know what's a really fucked up experience? The movement from male privilege through the absolutely dystopian valley of transphobia and then to normal sexism. Yep, that's pretty wild. Not that I only get the latter, but it's happening more and more and it's just for sure an experience everyone should make at least once in their lifetime. LOL.
SPEAKER_1
00:29:12
Vielen Dank für das Vorlesen. Vor drei Jahren hast du sozial transitioniert und sechs Monate später mit der HRT, also Hormontherapie, angefangen. Kurze Erklärung, wenn es um trans Personen geht, heißt Hormontherapie, dass der Mensch Hormone nimmt, um den Körper und die Geschlechtsidentität anzupassen. Bei einer Transfrau bedeutet es die Einnahme von Östrogen und oft auch von Antientrogen, um den Testosteronspiegel zu senken. Die Hormontherapie wirkt sich nicht nur auf den Körper aus, sondern auch auf die emotionale Ebene. Emilia, wie geht's dir 2,5 Jahre nach Beginn der Hormontherapie?
SPEAKER_2
00:29:58
Absolut fantastisch. Also, ja, 5 von 5 Sternen würde ich sofort wieder machen. Für alle, die sich's gerade irgendwie so überlegen, so oh, das interessiert mich. Ich hab's irgendwie jetzt seit einem halben Jahr im Warenkorb, aber dann hab ich immer Angst auf Bestellen zu drücken, drück einfach auf Bestellen, das ist der Hammer. Was ganz toll.
SPEAKER_1
00:30:20
Danke für die Empfehlung. Du hast letztes Jahr in Chicago gelebt. Du warst sogar da, als Trump zum zweiten Mal gewählt wurde. How was it for you to live there as a trans woman?
SPEAKER_2
00:30:37
Interessanterweise ganz fantastisch, was natürlich daran liegt, dass Chicago eine absolute liberale Hochburg in den USA ist. Und es gibt das berühmte Boys Town, das Queer-Revertel. Es gibt das berühmte Girls Town, wo die ganzen Lesbians abhängen. Die Atmosphäre da ist anders, sie ist völlig anders. Auch irgendwie so, ich hatte in Chicago sehr oft das Gefühl, it's a city run by its minorities. All the different minorities are the big majority. Und ich glaube auch im Kontext von der autoritären, politischen Atmosphäre, die dann halt auch herrscht, dass eine Gegenbewegung, die da stattfindet, ist auch die, ihr es das Menschen ganz explizit sich in ihrem Alltag, auf der Straße, in sozialen Räumen sehr, sehr oft zeigen, hey, ich seh dich, wir sind gerade zusammen in einem Raum und wir sind keine Feinde. So und das über ganz, ganz viele Ebenen da passiert. Und ist natürlich dann auch dieser Aspekt von einer sehr großen Stadt, die halt auch eine andere Form von einem Angebot hat an Räumen, in die man reingehen kann, die permanent da sind. So wenn ich mir überlege, in Augsburg gibt's nicht den einzigen permanenten Queeren-Space, in den ich reingehen kann. In Chicago gibt's zwei Lesbien-Barsen, in die ich hier theoretisch jeden Tag reingehen kann. Also die Untergruppierungen des Queeren-Umbrella-Terms haben ihre eigenen Räume. Und wir haben nicht mal einen für den Umbrella-Term. Und das macht einen riesen Unterschied in der Art und Weise, wie man sich mit irgendwie seinen eigenen Desires durch einen Raum bewegen kann, würde ich sagen.
SPEAKER_1
00:32:29
Und gleichzeitig, ich glaube, dass die politische Situation super herausfordernd war, especially for trans people.
SPEAKER_2
00:32:38
Ja, das ist natürlich immer so ein bisschen die Frage. Pöbel MC sagt ja, am Ende hilft ja auch keine hippe große Stadt. So und ich finde es immer noch seltsam, jetzt in dieser Erfahrung drin zu stecken von, okay, ich habe das Timing irgendwie so abgepasst, dass ich da war und dann gegangen bin, ganz genau bevor ich dieses Land nicht wieder betreten könnte. Wenn ich jetzt ein Semester später das Auslandssemester dort hätte machen wollen, dann wäre ich nicht nach Chicago gegangen, weil die Wahrscheinlichkeit, dass ich am Flughafen damit konfrontiert werde, dass mein Pass Material Fraud ist durch eine Executive Order von Trump, die besagt, wenn hier Gendermarker und auf dem Pass und Präsentation und so weiter nicht übereinander, nicht übereinstimmen, dass theoretischen Straftatsbestand besteht und man an der Grenze abgewiesen werden kann oder eben in Detention wandern kann, so natürlich nicht gemacht. Und es ist seltsam irgendwie so das zu wissen und dann gleichzeitig halt auch zu wissen okay, ich habe Menschen, die in dieser Stadt leben, die verschiedene Marker in sich vereinigen, die alle sie zu einer Zielscheibe im politischen Kontext machen, in dem wir gerade drinstecken. Und es ist gleichzeitig surreal und total hyperreal. Und ich glaube, ich finde es manchmal auch schwer, das dann so zusammenzubringen, dass man auf der einen Seite irgendwie so diese konkrete Präsenzerfahrung gemacht hat von hey, this is good, being here, moving through this place is good. Aber dann gleichzeitig dieses abstrakte Wissen, das natürlich auch immer so da ist, dass es vom Abstrakten ins Präsente jeden Moment umschwenken kann, ist verwirrend. Ich glaube, ich finde es vor allem verwirrend.
SPEAKER_1
00:34:35
Du schreibst schon, seit du Teenagerin bist. Was wir gleich hören werden, ist der Beginn der Hörspielproduktion das Skelett bei der Arbeit, deren Texte du komplett geschrieben hast.
SPEAKER_3
00:34:51
Sie streicht durch die Stadt. zwischen den Schatten und ihren Schritten. woran sie sich vielleicht vage erinnern kann, oder nicht.
SPEAKER_1
00:35:59
Dieses Capital berührt mich wirklich sehr. Emilia, du schreibst über dein eigenes Leben, gerne mit Fiktion- und Essay-Elementen. Was bedeutet dir das Schreiben?
SPEAKER_2
00:36:12
Ich glaube, auf der einen Seite hat es mit einem Ringen mit der Realität zu tun. Und wir müssten jetzt natürlich auch problematisieren, was das Wort Realität in diesem Kontext überhaupt bedeutet. Aber auch mal bei der Oberfläche zu bleiben, es hat was mit einem Ringen damit zu tun, aber auch mit einem Verhandeln. Mit Ringen impliziert so eine Gewalt. Aber es hat manchmal auch eine ganz große Zärtlichkeit. Es hat was mit Dokumentieren zu tun. Es ist ja spannend, dass ich jetzt sozusagen vorhin Texte von vor zwei Jahren und vor anderthalb Jahren und so gerade nochmal vorlesen konnte. Und dann werde ich da so zurückgeworfen, okay, was hat mich dann in diesem Moment bewegt, als ich diesen Text geschrieben habe? Und es hat mich ja sehr bewegt anscheinend, weil sonst hätte ich ihn ja nicht auch auf irgendeine Art und Weise veröffentlicht und damit nach außen getragen, auch egal, wie klein der Rahmen ist. Und damit wird es, glaube ich, auch zu einer Brücke, die Co-Präsenz erlaubt mit den verschiedenen Ichs, in die man sich im Laufe dieses Erlebnisses von Existenz auch irgendwie so aufspaltet. Ich glaube, es gibt einen Teil von mir, der ganz viel denkt, das Schreiben, was mit Sinnstiften zu tun hat. Und dann gibt es einen anderen Teil in mir, der ganz stark dagegen argumentiert und sagt, nein, nein, es geht gar nicht um Sinn. Es geht vielmehr um das Durchkreuzen von Sinn oder das Queeren von Sinn, könnte man auch sagen. Es gibt ein Zitat, das ich sehr gern mag, von Gilles Deleuze, in dem er sagt, Schreiben hat nichts mit Sinn zu tun. Schreiben ist vielmehr ein Akt der Landvermessung und des Kartenzeichnens. Und wenn man dann weiß, was er mit Karten meint, benutzt er die Karte als Bild, weil er sagt, sie ist in alle Richtungen hin offen. Sie hat verschiedene Eingänge, über die man in sie reingehen kann und sie hat verschiedene Zentren. Und ich glaube, das finde ich spannend zu diesen Gedanken von Schreiben hat was von Landvermessung und das Land, durch das ich durchschreite und das ich vermesse, bin einerseits ich selbst, andererseits ist es die Außenwelt. Und dann ist es vor allem, und das ist vielleicht das Wichtigste, die Wechselwirkung, die dazwischen besteht. Und deswegen, genau, ich glaube, es ist ein Ringen. Ich glaube, es ist eine Verhandlung. Ich glaube, dass es auch Sinn stiftet. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, bereit dafür zu sein, dass der Sinn auch wieder entstiftet wird in genau demselben Prozess.
SPEAKER_1
00:38:54
Würdest du sagen, dass Schreiben für dich eine Notwendigkeit ist?
SPEAKER_2
00:39:00
Ja, schon. Und das ist auch, was du gesagt hast, im Intro war das Einzige, was dich nicht verändert hat. Und ich bin durch verschiedene Spaten der Kunst jetzt schon durchgegangen. Und Schreiben war immer das, das in der Ernsthaftigkeit irgendwie geblieben ist. So ich kann von mir durch Erfahrung sagen, ich mache sehr gerne Theater. Ich liebe Theater und manchmal hasse ich Theater, aber ich brauche es nicht, um zu überleben. Ich brauche es nicht so sehr, dass ich immer wieder dazu zurückkomme, um jeden Preis. Ich liebe es, dass ich mich an ein Instrument setzen kann und dass ich ein Stück mehr arbeiten kann oder improvisieren kann und Musik machen kann, auch wenn es nur für mich selbst ist. Aber ich glaube, es geht um die Ernsthaftigkeit. Ich habe keine andere Kategorie in meinem Leben, der ich so viel Ernsthaftigkeit zuspreche, wo ich mir denke, die ist mir so fundamental wichtig. Es ist mir so fundamental wichtig, auch eine Expertise darin zu entwickeln. Deswegen ja, glaube ich schon. Ich glaube schon, dass ich schreiben brauche. Ich glaube, es verändert sich dann manchmal, für was ich es brauche. Ob ich es jetzt mehr brauche, um mit mir selbst zu kommunizieren oder mit der Außenwelt zu kommunizieren, das ist eine offene Angelegenheit, die sich auch verändern kann. Aber ich glaube, dass die Notwendigkeit schon irgendwie besteht.
SPEAKER_1
00:40:35
Ich liebe das Verb queeren, by the way. Du hast Texte über deine Transidentität mit mir geteilt und ich habe ein paar herausgesucht. Hast du Lust, sie vorzulesen?
SPEAKER_2
00:40:51
Ja, ich habe Lust, zu schauen, was die Sachen waren, die du interessant fandest. Voll schön. Das sind jetzt natürlich Ausschnitte, die sozusagen aus dem Kontext der größeren Texte gerissen worden sind, aus denen sie kommen. Aber ich glaube, das macht gar nichts, einfach auch mal nur ein Fragment zu hören von was. Und ich glaube, dass du bestimmt auch gute Gründe hattest, genau dir auszuwählen. I cherish all the little stitches and aches which announce your formation. At the same time, I'm terrified. I feel you as a great unknown, a responsibility and a mark, or a scar, an already thwarted idea and challenging naked fact. Yet I don't know the place I'll get stranded at. On which new yet old grounds I'll rebuild myself. I'm scared of it. But there's no turning back because behind my back there's nothing but an endless ocean and its swells choke me to death. They pull me into the thick nothingness of a nightmare I'm no longer willing to put up with. Like once again I'm lying in my lover's arms, crying. I seem to cry like all the time these days. This time I cry about this fucking sense of loss again. Those years and years I lived as a man without ever wanting to, but without any sort of vision about what else I could have done, I could have been. There are scenes running by in front of my closed eyelids, scenes from different times. It's this weird construction of a past, this narrativization of a self. Flashbacks filled with sense that is being produced right here. Right now, in the arms of my lover, whilst crying. These years and years of testosterone poisoning, the scars it has left all over me, alas. Maybe this is what I embrace the most about the identity aspect of being a trans woman. That it implies something of a decision, lol, to leave masculinity behind for good. To leave its so-called superiority and its hollow privileges behind dead in the mud. And by that, to subvert the logic of domination itself. To forcefully challenge any system of hierarchy. To say, no, this is not right. And to claim a maximum of agency for one's own destiny. Being able to embrace oneself by fully saying yes to some vague concept, but something I so deeply admire and feel the desire to embody within and through myself. Femininity. Oh, whatever that means.
SPEAKER_1
00:44:05
Vielen Dank für das Teilen und für das Vorlesen. Du studierst Literaturwissenschaften. Dein Bachelor-Thema war Transkörper. Und in deiner Masterarbeit wird es zum Sexarbeit gehen. Am feministischen Kampftag hast du auch dieses Jahr ein Workshop über Sexarbeit gegeben. Möchtest du kurz erzählen, wie du zu diesem Thema gekommen bist?
SPEAKER_2
00:44:31
Ich glaube, über unterschiedliche Ecken und Enden. Das eine geht über ein persönliches Interesse, das andere geht über ein theoretisches Interesse. Und das ist natürlich die Frage, inwiefern man das theoretische und das persönliche überhaupt irgendwie voneinander trennen kann. Ich glaube ja nicht so wirklich. Aber es geht viel um Fragen von Identität dann in beiden auch. Es geht darum, dass beide Themen sind marginalisiert oder befinden sich in einer marginalisierten Position. Beide Themen haben mit Identität zu tun. Beide Themen haben extrem viel mit Gender zu tun und mit der Art und Weise, wie Gender konstruiert ist. Und ich glaube, dass dadurch es auch Themen sind, die extrem viel sichtbar machen können, die oft als ein Brechglas funktionieren, in dem die Diskurse, von denen wir die ganze Zeit umgeben sind, dann halt auch noch mal eine Potenzierung erfahren. Und über diese Potenzierung glaube ich, dass man an Wissen herankommt und an Verständnis herankommt und sich auch eine Form von Komplexität stellen kann, die uns unglaublich viel beibringen kann. Das denke ich mir z.B. auch in Bezug auf Transidentitäten z.B. Was wäre eine andere mögliche gesellschaftliche Einbettung, wenn es nicht von dem hegemonialen Diskurs, in dem wir uns bewegen, immer nur so gebrannt markt wäre, als es fällt ja irgendwie in diesen Bereich von dem nicht normalen und damit hat es eine Nähe zu der Idee von Wahnsinn, auch wenn es nicht offen ausgesprochen wird. Weil der Diskurs ja dann irgendwie schon verdeckt und ist dann vielleicht etwas mehr trocken medizinisch klingendes oder was auch immer einbaut. Aber im Endeffekt bewegen wir uns in einer Gesellschaft, die extrem stark normt, die extrem stark ein Zentrum erzeugt und die extrem stark dann die verschiedenen Ringe, die sich um dieses Zentrum bilden, herauskonstruiert und je nachdem, wie deine Identität sich zusammensetzt, dass du weiter außerhalb liegst du in den Ringen, desto mehr ist die Sprache, die du sprichst, entweder eine hörbare, verständliche, mit Verstand überschriebene oder eine, die in den Bereich von Unverständlichem, von Geschrei, von Irrsinn und so weiter reinfällt. Und ich finde das so schade im Kontext von der extremen Komplexität und Nuanciertheit, die da drin liegt. Es sind so viele Nuancen, die man wahrnimmt über die Welt, über sich selbst, über die Art, wie Gesellschaft strukturiert ist. Einfach nur dadurch, dass man durch diese Erfahrung durchgeht. Ich habe ja in dem letzten von diesen Instagram Posts, steht dann ja noch drin, es ist eine Erfahrung, die jeder eigentlich mal machen sollte, mit so einem kleinen LOL im Hintergrund. Weil mir offensichtlich klar ist, dass nicht jeder Mensch anfangen wird, sich gegen geschlechtliche Hormone zu schießen und einmal zu schauen, hey, was passiert eigentlich, wenn ich meinen Gender wechsle? Natürlich ist das ein hanebüchener Gedanke, aber allein schon dieser Gedanke von, was würde es mit Menschen machen? Vor allem, was würde es mit Cis-Männern machen, wenn sie sich einmal der Herausforderung stellen würden, mit einem Kleid ge-crossdressed durch ein Kölz zu laufen, eine halbe Stunde lang, und zu gucken, was es macht mit ihrer Wahrnehmung, ihrer selbst und der Welt auf sie. Und ich glaube, mich zieht es viel an die Orte von Erleben und Existenz, in denen sich meiner Meinung nach diese Nuancen aufhalten. Und meine Lebenserfahrung bisher zeigt mir halt auch oft, dass die Bereiche, die mit einem starken Stigma belegt sind und die immer in diesen Bereich des Verbotenen reinfallen, die vor denen die bürgerliche Gesellschaft ein immer warnt, dass das die Orte sind, an denen die Menschen am genauesten wissen, warum sie die Dinge tun, die sie tun. Und die Punkte, die am nächsten am Zentrum dran sind, die am wenigsten marginalisiert sind, sind auch die Punkte, wo alle rumrennen und eigentlich nicht wissen, warum sie tun, was sie tun. Und ich mache jetzt hier eine schwarz-weiß-Malerei auf, auch irgendwie und ich will ja auch nicht in dieses andere Extrem rein verfallen, indem ich dann quasi alles, was irgendwie marginalisiert ist, alles, was mit Stigma zu tun hat, dann nur anfangen zu verklären und nur eine einseitige, positiv Empowerment-Malerei oder was auch immer rein zu versetzen, das tötet die Nuancen ja wieder ab. Aber ich glaube, die Themen interessieren mich deswegen so stark, weil sie solche Bündelungspunkte sind und weil es auch die Punkte sind, die, wenn ich in mich reinhör und nach den Resonanzen versuche zu forschen, die ich wahrnehme in meiner Wechselwirkung mit der Welt, dann auch merke, das sind die, in denen die meisten Resonanzen aufkommen und die am meisten mir ein Gefühl geben von, ich konfrontiere mich mit Wirklichkeit und nicht mit der Simulation von Wirklichkeit. Es ist wieder ein philosophischer Diskurs, den man aufmachen kann. In dem Moment, in dem man die Wirklichkeit benennt, wird sie wieder zur Simulation. Ja klar, wir kommen da nicht ran, die ist nicht greifbar, aber es gibt Kontexte, in denen wir uns vor ihr schützen können und es gibt Kontexte, in denen wir uns ihr aussetzen können. Ich glaube, ich finde das Aussetzen spannender, als mich davor zu schätzen.
SPEAKER_1
00:50:04
Magst du erzählen, inwiefern Sexarbeit mit Identität und Gender zu tun hat?
SPEAKER_2
00:50:12
Auch da gibt es wieder verschiedene Punkte, von denen man aus reingehen kann. Also es gibt zum Beispiel einmal diesen Aspekt von der Überrepräsentation von Transfrauen in Sexarbeit, was zurückzuführen ist auf ganz klar soziologische Kontexte, wo man dann so dieses Ding hat von Diskriminierung führt dazu, dass man sich manchmal andere Wege sucht, als die, die jetzt irgendwie der Normengesellschaft entsprechen. Da kann man in frustrierende Diskurse damit auch reingehen. Aber ich glaube, es gibt auch ganz andere Bereiche, in denen es so dieses Ding ist, von wie wird in einem Kontext von Sexarbeit Gender performt, wie wird in einem Kontext von Sexarbeit auch über Gender als Werkzeug eine Simulation evoziert, die dann aber aus dem Bereich dieser Simulation wieder auf was ganz Konkretes, auf was ganz Wirkliches hinführt und die Tür in dieses Wirkliche öffnet. Das ist ein Thema, in das ich in meine Masterarbeit sehr reingehen werde. Ich habe so diese zwischen Sakrilegarbeit und Simulation so meinen Arbeitstitel, der dann noch dabei ist, wo es dann um diese Diskurse geht von Sacred Prostitution. Da wird dann das Heilige als eine Idee gebracht, das eine total komplexe kulturhistorische Geschichte hat und überhaupt nicht einfach ist in der Art und Weise, wie sich Leute diesen Begriff ausgedacht haben. Und dann eben auch klar wird so, es ist das Heilige, das auf was ganz Konkretes, auf was ganz Wirkliches hindeutet, geht den Weg über die Simulation immer wieder, so die beiden sind nicht voneinander zu trennen. Und dann befindet sich der Aspekt der Arbeit irgendwo dazwischen und arbeitet dann mit diesen beiden Elementen. Und ist die Komplexität daran, was mich dann auch immer wieder zu diesen Fragen zurückbringt von Identität und Wirklichkeit, Identität und was man denkt, was wirklich ist. Ich hab hier so ein Zitat in meinem Buch vorne drinstehen. Das ist aus den Argonauten von Maggie Nelson. Da sagt sie, But any fixed claim on realness, especially when it is tied to an identity, also has a finger in psychosis. The man who thinks he is a king is mad. A king who thinks he is a king is no less. Und das sind die Fragen, in die ich mich dann einbette, wenn ich auf eine theoretische, auf eine abstrakte, auf eine akademische Ebene da reingehe, aber eben auch auf eine Art und Weise, in der ich das Gefühl habe, dass mein akademisches Arbeiten natürlich auch in einem Wechselspiel steht mit mir als Mensch, der durch die Welt geht und meinen persönlichen Erfahrungen, die ich mache. Und ich glaube, es geht dann auch immer viel darum, sich Fragen zu beantworten. Ich hab noch was, was ich meinem jüngeren Ich gerne sagen würde. Das sich gerade hier aus ableitet, nämlich wenn ich jetzt zu meinem jüngeren Ich zurückgehe, das vor zwei Jahren einen dieser Texte geschrieben hat, den ich da vorgelesen habe. Ich würde dem gerne sagen, hey, lehn dich zurück und entspann dich ein bisschen mehr. Nimm es nicht so ernst. Verlier dich nicht so sehr da drin. Oder hab mehr Geduld zum Beispiel auch. Wo es glaube ich in dieses Thema reingeht von, wie sehr verliere ich mich auch in der Wirklichkeit, der Ernsthaftigkeit, die ich meiner eigenen Identität zuschreibe zum Beispiel. Und was dann auch für Erwartungen daraus entstehen, die ich an die Welt um mich herum habe. Das sind super komplexe Vorgänge. Und ich bin selber oft überrascht davon, wie sich die Sachen in meinem Leben dann auch verändern. Wie ich jetzt irgendwie das Gefühl habe, ich blicke auf Elemente in diesen Texten völlig anders, als in den Momenten, in denen sie entstanden sind. Und dann wieder andere Elemente, die mir immer noch sehr nahe gehen, wo ich mir immer noch denke, ja, der Blick, den die Welt in dich reinpflanzt, die Augen, die auf deinem Körper wachsen, das böse Auge, das du anfängst zu internalisieren, das dir auf Basis von gesellschaftlichen Erwartungen erklärt, was alles falsch an dir ist oder was alles unzulänglich an dir ist und so weiter und so fort. Das ist ja sehr konkret da. Auch wenn es eine Illusion ist, ist es trotzdem auch eine Wirklichkeit. Auch wenn es was Abstraktes ist, ist es trotzdem auch was Materielles. Dieses Auge ist da, ich kann da reindrücken. Genau, ich glaube, es geht dann immer wieder zurück zu diesem Thema von Navigation. Wie navigiere ich mich durch diese Erfahrungen von Wirklichkeit, Simulation, Identität als Traum und als konkrete, reale Erfahrung und dem, was dazwischen steht? Wie kann ich die Metaphern greifen? Das ist ein großes Thema für mich als schreibende Person dann auch. Wie kann ich eine Ordnung reinbringen in dieses Meer aus Metaphern? Welche Metaphern finde ich, die für mich funktionieren? Welche Metaphern funktionieren für mich für einen Moment? Aber ich muss die dann auch wieder loswerden und wieder ablegen. Welche Metaphern bleiben und werden zu Werkzeugen, mit denen ich dann irgendwie so durch die Welt gehen kann?
SPEAKER_1
00:55:21
Du hast über deine Erwartungen, deine Umwelt gegenüber geredet. Müschtest du mehr dazu sagen?
SPEAKER_2
00:55:30
Ich glaube, woran ich als erstes denke, ist der Prozess von einem persönlichen Coming Out ist ja unglaublich individuell. Und so aus meiner Perspektive, was mir damals passiert ist, war gar nicht dieses Ding, dass da irgendwie was graduell sich verschoben hätte, sondern vielmehr, dass mit einem Knall ich irgendwie so diese Erkenntnis hatte von okay, kacke, niemand wird mir das abnehmen, ich muss meine Identität für mich selbst definieren. So und ich dann sehr stark konfrontiert war mit so einer Plötzlichkeit, aber dann auch so einer Klarheit, die in dieser Plötzlichkeit drin lag. Und was dann passiert ist ja dann auch irgendwie ganz viel eine Reaktion, die man auf die Welt, in die man schon eingebettet ist, diese Einbettung, die schon da ist, dann entwickelt. Und ich weiß, dass ich damals so sehr diesen Wunsch hatte von Gott, ich will, dass meine Außenwelt das auch sieht. Und ich gehe in eine ganz starke Forderung rein, dass meine Außenwelt das jetzt auch mal checken soll. Und auch so ein bisschen, ein bisschen ist es natürlich auch, ich lebe im Jahr 2024 oder 2023, du kannst dich nicht hinstellen und sagen, dass du noch nie von Trans People gehört hast, so komm mal unter deinem Felsen hervor. Aber es ist so sehr dieser Wunsch, dann irgendwie erkannt zu werden. Und eine Kehrseite davon ist eine Ungeduld und auch ein ganz starkes Gefühl von Druck und dann auch von Wut, die kommt. Und so diese Wut gegenüber dem, was man als Ignoranz auch empfindet. Und ich weiß ganz genau, dass die Gefühle, die ich viel mit mir rumgetragen habe, in der Zeit vor allem eine Berechtigung haben und auch eine Reaktion sind darauf, dass der Kontext, in dem Trans Personen leben, in dieser Welt, in der wir leben, halt auch wirklich kein Ideal ist. Aber gleichzeitig denke ich mir aus meinem Jetzt-Ich heraus, dass ich gerne zu diesem Ich zurückgehen würde und sagen würde, hey, entspann dich mehr und gib Menschen auch mehr Zeit. Weil sie brauchen das auch. Genau, ich glaube nicht, dass man daraus ableiten kann, dass es irgendwie ein richtiges oder falsches Verhalten gab in dem Kontext, weil man steckt einfach auch irgendwie in was drin, das schwierig ist. So, die Tatsache, dass man plötzlich irgendwie sich denkt, oh, I'm not the gender everyone thinks I am. I'm not even the gender that I thought I am myself. So, aber rückblickend hätte ich gerne eine verzeihendere und geduldigere Wechselwirkung meiner Umwelt gehabt. Dass ich meinem Vergangenheits-ich jetzt mitteilen würde, aus meinem Jetzt heraus. Das ist der erste Gedanke, den ich dazu hatte. Der zweite ist mir glaube ich verloren gegangen. Aber kommt vielleicht auch wieder.
SPEAKER_1
00:58:24
Schauen wir mal.
SPEAKER_2
00:58:25
Schauen wir mal.
SPEAKER_1
00:58:27
Ich habe noch einen kurzen Text von dir rausgesucht, der in die BDSM Richtung geht und den ich stark finde. Magst du ihn hier vortragen?
SPEAKER_2
00:58:38
Ja, aber selbstverständlich.
SPEAKER_1
00:58:40
Nice.
SPEAKER_2
00:58:42
You've got me on a leash, by the way, a leash that I begged for. You first drew patterns on my body similar to those which you'd drawn on yourself before. Then you took pictures of me, your artwork. I'm usually very self-conscious and shy about that. Usually they only make me wary, but this time I enjoy that. Then you start doing other things. You make me moan, make my body flash away from you, but you pin me down, fixate me. I feel the leash tight around my neck. I breathe heavily, faltering with tension, then with relief. After my back bends upwards and falls back on the mattress, you hold me for a long time. You envelope me with your sweet smell. You kiss and caress me and ask if everything you've done was okay. It was. We tell us that we love each other and I feel relief, because you seemed distant when I first arrived at your place. Just like a short snippet into something.
SPEAKER_1
00:59:50
Yeah, thank you for sharing. Emilia, wie ist es für dich, als Transperson in Deutschland zu leben?
SPEAKER_2
01:00:00
Ich glaube, unter den politischen Vorzeichen, unter denen wir alle leben, ist es irgendwie schwierig, kompliziert, manchmal frustrierend, manchmal erleichternd. Ich glaube, es ist viel eine Kipppunkterfahrung. Es kippt in die eine, es kippt in die andere Richtung. Das ist dieses seltsame Erfahren von, okay, ich lebe in einem Kontext, in dem ich auf Basis historischer Kämpfe ein relatives Maß an Freiheit genieße. Das ist relativ deswegen, weil wenn ich eine Weltkarte als Datscheibe nehmen würde und einen Dattpfeil drauf werfen würde, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass der wo landet, wo es schlechter wäre, hoch. Aber gleichzeitig ist es natürlich auch so dieses Ding von, will ich meine Freiheit immer am Schlechteren messen? Oder will ich meine Freiheit eher an einem Potential messen, das ich irgendwo sehe? Und so. Ich glaube, dass es allgemein als Person, die Marginalitätsmarker an sich trägt, egal, wo wir uns gerade hier auf der Welt befinden, es immer ein schwieriger Kontext ist, weil politische Verschiebungen spitzen sich zu. Und es gibt einen ganz starken Trend hin zur Homogenisierung, gegen die Öffnung. Denken, wenn ich wieder dran denke, das Wort Queerness hängt für mich mit einer Öffnung zusammen. Diese Öffnung ist was, gegen das sich ganz, ganz viele Menschen ganz, ganz stark wehren. Und das ist eine Tatsache, mit der ich mich irgendwie konfrontieren muss. Und ich glaube, ein Gedanke, den ich in letzter Zeit viel hatte, und der ist jetzt überhaupt nicht erbaulich, wenn ich ihn, glaube ich, so ausspreche. Aber ich versuche trotzdem, was erbauliches darin zu finden, aus Trotz auch heraus ist. Ich glaube, das ist ein Teil, einer der grundlegenden Teile der menschlichen Erfahrung ist, dass wir existieren und es kann sich ein Schalter umlegen und dann werden wir ausgelöscht. It can happen. Also ich habe vor ein paar Tagen, habe ich einen Kapitel gelesen über die Heretikerbewegungen im Mittelalter. Da hast du auch einen Kontext, in dem innerhalb Europas Päpste Kreuzzüge ausgerufen haben gegen die Armen, die poor and working people, die sich so Religion wieder appropriated haben und gesagt haben, hey Moment, wollen wir vielleicht ein freieres Leben anstreben? Kreuzzug. Bischöfe und Könige haben sich zusammengeschlossen, um Massaker anzurichten. Und dann spannt das eine Verbindungslinie zu einer Geschichte der Auslöschung, in die wir eingebettet sind. So ich glaube, ich muss nicht super konkret die Sachen benennen, mit denen wir heute konfrontiert sind. Und wenn du 60 Jahre zurückgehst, wenn du 80 Jahre zurückgehst, wenn du 300 Jahre zurückgehst, in jedem dieser Momente wirst du diese Auslöschung finden. Und Menschheit entfaltet sich zum Trotze und ist trotzdem da. Und befindet sich in den Kämpfen, die für Öffnung sind, die für ein Erblühen sind. Und die vielleicht auch sich selbst Mut geben mit diesen Gedanken von, dass was da war, kannst du nicht mehr weg radieren. Du kannst es nicht mehr im Nachhinein, das kriegst du nicht mehr weg. So die Freiheiten, die erkämpft wurden. Auch wenn du anfängst, sie auszulöschen. Genau, es ist irgendwie so seltsam, diesen Gedanken zu haben von ich, mein Leben hat sich bisher abgespielt an einem der sichersten Punkte, an dem man leben kann auf der Welt. Und die Verschiebungen kommen jetzt halt auch hierher, wo sie eine Zeit lang irgendwie nicht so intensiv waren. Aus spezifischen Kontexten heraus natürlich. Aber ich glaube, es ist Teil der menschlichen Erfahrung, dass es angsteinflößend ist. Und ich glaube, ich versuche für mich Wege zu finden, über die ich das in der Affirmation auch einbetten kann. Und sagen kann, das hindert mich nicht, dran Ja zu sagen zu der Existenz, in der ich stecke. Und manchmal kommt dann so dieser Gedanke, als Transfrau in Deutschland muss ich in fünf Jahren woanders hin. Und dann denkst du dir, wohin? In die USA? Nach Frankreich? In die Niederlande? Es ist kompliziert. Aber ich glaube, es ist kein Grund zur Verzweiflung, weil Verzweiflung am Ende einen nur handlungsunfähig macht. Und ich glaube, es gibt bessere Wege, sich handlungsfähig zu halten. Schönere Wege.
SPEAKER_1
01:04:42
Gibt es etwas in Deutschland, das du dir für trans Menschen wünschen würdest?
SPEAKER_2
01:04:48
Ich glaube, worauf ich gerade am ehesten komme, wenn ich in einem praktischen Sinne drüber nachdenke. Und ich würde sagen, das gilt für Deutschland, aber es gilt auch generell so, dass trans Personen mehr die Möglichkeit bekommen, tatsächlich selbst über die Ressourcen zu verfügen, auf die wir angewiesen sind. Also zum Beispiel Hashtag transhealthcare. Es ist eine Schnitzeljagd, sonder das Gleiche, die durch bürokratische Labyrinthe führt, die sich manchmal wie ein Marathon anfühlen kann, die für manche Leute besser, für manche Leute schlechter laufen. Aber so im Endeffekt ist es ganz viel, das eingebettet sein in einer Struktur, in der Ressourcen verwaltet werden, auf die man Zugriff haben möchte, die aber von Leuten verwaltet werden, die eigentlich keinen Bezug dazu haben oder die einen vielleicht erforschen wollen. Oder die auf Basis der Ordnungsstruktur, die sich dann an den medizinischen Diskurs oder so anschließt, sich mit diesen Fragen beschäftigen können, beschäftigen von wer ist jetzt legitim, wer hat das Recht auf den Zugang. Und ich glaube, dass das allgemein ein riesiges Problem ist, dass Transpersonen nicht an den Punkten sitzen, an denen sie ihre Ressourcen selbst verwalten können. Und wenn ich mir was wünschen würde, dass sehr, sehr, sehr konkret irgendwie wo reingeht, dann wäre es dieses Ding von, hey, lass uns vielleicht irgendwie das für uns selbst machen, anstatt dass das von außen bestimmt wird und von außen mir erklärt wird, wann ich legitim bin und wann ich nicht legitim bin. Was natürlich auch wieder eine Wechselwirkung eingeht mit der eigenen Identität. Du hast diesen Moment, in dem Queerness passiert, in dem die Öffnung davon passiert, aber dann wird sie ja auch sofort wieder rezentriert. Dann muss ich einen Lebenslauf schreiben, der ganz deutlich macht, warum ich ganz eindeutig dem anderen Geschlecht zugehöre. Ich werde wieder verwurzelt, nachdem ich gerade in der Öffnung drin war. Und das passiert natürlich auf vielen Ebenen. Und ich glaube, dass das das Konkreteste, mit dem ich gerade einfällt dazu.
SPEAKER_1
01:07:14
Gibt es etwas anderes, das du gerne in diesem Podcast teilen möchtest?
SPEAKER_2
01:07:21
Ich glaube, der Begriff, der mir gerade in den Kopf gekommen ist, ist Verspieltheit. Und ich glaube, er ist mir deswegen in den Kopf gekommen, weil er in einer Beziehung steht zu verschiedenen Texten und Themen und Diskursen, in die wir jetzt alle irgendwie gerade reingegangen sind. Und weil er für mich, glaube ich, was ganz Zentrales hat in einem Umgang mit Wirklichkeit und auch mit Widerständigkeit. Und zwar, dass viele von den Texten, die ich vorgelesen habe, sind die Texte, die eher in schwierige Gefühle reingehen. Es sind die Texte, die eher auch sich in einem Verschließen oder in einem Wehren oder in einem Trauern über Dinge, in einer Suche, die auch mit mit Verzweiflung zu tun haben kann und mit dem Gefühl von Verletztsein und so. So haben sie gehen alle irgendwie in diese Themen rein. Und ich glaube, was mir ein gutes Gefühl gibt, wenn ich die Texte jetzt aus vergangenen Punkten auch noch mal durchlese, ist, dass viel von der Schwere, die da drinsteckt, auch gekontert wird durch ein Gefühl von Verspieltheit, die auch sich in einem Prozess von Wiedereroberung abspielt. Na, so was mache ich, um diesem Schmerz zu begegnen? Was mache ich, wenn ich das Gefühl habe, jetzt kommt die existenzielle Krise und ich gehe unter, in dem ich gerade so viel Ernst gebe? Ob ich meiner Identität gerade so viel Ernst gebe? Ob ich der politischen Situation, in die meine Identität eingebettet ist, so viel Ernst gebe? Ob ich den Blicken, mit dem ich konfrontiert bin, so viel Ernst zuschreibe? Natürlich passiert dir das, natürlich passiert uns das allen, weil wir in einer Welt leben, die Konsequenzen für uns hat. Und unser Handeln hat Konsequenzen für das, was um uns herum passiert. Und was um uns herum passiert, hat Konsequenzen für uns. Aber ich glaube, die Lösung, Lösung klingt zu endgültig, aber die Antwort findet sich für mich dann oft in Formen der Verspieltheit. Und ich merke viel, dass in Texten, die ich jetzt auch vorgelesen habe, das Gefühl nicht vorkommt, weil es mir in dem Moment verloren geht. Aber ich auch weiß, dass ich existiere ja noch weiter, nachdem dieser Text passiert ist. Und ich meine, reflektieren darüber geht ja weiter. Und ich lese mir diesen Text jetzt durch, aus einer Perspektive meines zukünftigen Ichs und habe das Gefühl, es ist keine Katastrophe, mit der ich gerade konfrontiert bin. Ich werde mit einem starken Gefühl konfrontiert, dass es auch eine Gravitas hat, aber dass auch eingebettet ist in eine Bewegung, in der diese Verspieltheit im Umgang mit der Welt, im Umgang mit sich selbst auch immer wieder passiert, hervortritt und sich dann auch Queer Joy zurückerobert. Und Queer Joy und Verspieltheit sind für mich zwei Dinge, die ganz eng miteinander verbunden sind. Und deswegen so, ich glaube, das ist das, was ich dazu noch sagen möchte, dass es so von dringender Notwendigkeit ist, dass wir uns das aufrechterhalten und uns nicht nehmen lassen in unserem Umgang mit uns selbst, in unserem Umgang mit der Welt, weil es oft glaube ich die Grundlage dafür bleibt, dass wir auch weiter handlungsfähig sind.
SPEAKER_1
01:11:18
Was bedeutet Verspieltheit für dich?
SPEAKER_2
01:11:22
Naja, zum Beispiel mich nicht festnageln zu lassen. Zum Beispiel mich nicht festnageln zu lassen von dem Gefühl, dass ich von der Welt um mich rum in Blicke gefangen genommen wird, in Gefängnis aus Blicken gesperrt wird. So und festzustellen, das passiert, aber es passiert auch, weil ich mit Teil davon bin, weil ich die Verspieltheit verliere in meinem Umgang mit diesen Blicken, weil ich ihnen den Ernst gebe, der sie dann so ernst macht für mich, anstatt dass ich zum Beispiel durch die Welt gehe und mir denke, ich kann nicht verwundet werden von sowas. Natürlich kann ich verwundet werden, aber Verwundung passiert auf vielen Ebenen und hängt davon ab, was ich daraus mache. Verspieltheit heißt auch, sich nicht an Regeln zu halten, die man nicht einsieht, glaube ich. Und Verspieltheit mit sich selbst auch, dann manchmal sich darüber lustig zu machen, was für Regeln man für sich selber gerade eigentlich aufgestellt hat. Und so immer wieder habe ich das Gefühl, man verwechselt die Metapher mit der Realität. Und das ist, warum ich vorhin auch dieses Zitat vorgelesen habe, der König, der sich für einen König hält, ist nicht weniger verwoben in diesen Irrsinn. Und Verspieltheit bedeutet dann auch so, jetzt zitiere ich das Notizbuch von einer befreundeten Person, wenn die Trauer dich mal überkommt, dann schau in die Sterne und verstehe, du bist drei von zehn wichtig, Sterne zehn von zehn. Das ist ein unglaublich verspieltes Zitat in meinen Augen. Und ich glaube, dass das es, was Queerness uns viel schenken kann, die Erlaubnis verspielt zu sein und zu sagen, hey, das Spiel ist wichtiger als der Ernst, in den ihr uns einzwängen wollt.
SPEAKER_1
01:13:39
Emilia, zum Schluss hast du vielleicht Lust auf einen Quickie mit mir? Es geht nicht um Sex, sondern um eine Fragenreihe, die du kurz und knackig beantworten darfst.
SPEAKER_2
01:13:52
Hell yeah.
SPEAKER_1
01:13:54
Die Qualität, die du bei einer Person am meisten schätzt.
SPEAKER_2
01:13:58
Empathie?
SPEAKER_1
01:14:00
Deine größte Qualität.
SPEAKER_2
01:14:02
Kreativität.
SPEAKER_1
01:14:03
Was macht dich glücklich?
SPEAKER_2
01:14:05
Guter Sex.
SPEAKER_1
01:14:07
Was hat dich letztens stolz gemacht?
SPEAKER_2
01:14:10
Wie gut ich mir selber Klavier spielen beigebracht habe.
SPEAKER_1
01:14:13
Ein Lied, das du gerade gerne hörst.
SPEAKER_2
01:14:15
Everything's Alright von Jesus Christ Superstar.
SPEAKER_1
01:14:19
Eine Person, die du attraktiv findest.
SPEAKER_2
01:14:22
Oh Gott, es gibt so viele Menschen, die ich attraktiv finde. Das ist wirklich lächerlich. Es ist lächerlich, wie viele Menschen ich attraktiv finde. Ich finde dich gerade attraktiv. Danke.
SPEAKER_1
01:14:34
Einen Content, den du empfehlen würdest.
SPEAKER_2
01:14:37
Das Buch Caliban and the Witch von Silvia Federici.
SPEAKER_1
01:14:41
Dein Lieblingsgericht.
SPEAKER_2
01:14:43
Pizza.
SPEAKER_1
01:14:45
By the way, du machst Pizza in City Club, right?
SPEAKER_2
01:14:48
Genau, und für gewöhnlich habt ihr immer samstags die Möglichkeit, euch die zu gönnen. Und ich will ja nicht angeben, aber ich finde meine Pizza sehr, sehr gut.
SPEAKER_1
01:14:59
Ein großer Wunsch von dir.
SPEAKER_2
01:15:00
Ein Buch veröffentlichen.
SPEAKER_1
01:15:02
Deine Stimmung geht's grad.
SPEAKER_2
01:15:04
Angeregt und verspielt.
SPEAKER_1
01:15:07
Emilia, vielen Dank, dass du dir heute Zeit genommen hast und dazu beiträgst, die Stimme queerer Menschen lauter zu machen.
SPEAKER_2
01:15:15
Danke, dass ich hier sein durfte.
SPEAKER_1
01:15:17
My pleasure.
SPEAKER_2
01:15:19
Mine as well.

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